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Ein Interview mit dem Taijiquan-Lehrer Dan Docherty

Donnerstag, 9. April 2009 18:15

Dan Docherty in Hannover

Dan Docherty in Hannover

Während meines Aufenthalts in Hannover anläßlich des 9. Internationalen Push Hands-Treffen vom 14. bis 22. Februar 2009 hatte ich Gelegenheit, mich mit Dan Docherty zu unterhalten und ihn zu seiner ganz persönlichen Sicht der Entwicklung des Taijiquans in Europa, ausgehend von den frühen Anfängen bis zum heutigen Tage, zu befragen. Der gebürtige Schotte, der nicht nur in Großbritannien als Taijiquan-Lehrer der “alten Schule” bekannt ist, lebt und unterrichtet heute in London, gibt aber auch Seminare etc. in anderen Ländern.

Ich persönlich schätze Dan sehr. Er ist in meinen Augen nicht nur ein sehr kompetenter Lehrer, der nebenbei gesagt auch die kämpferischen Aspekte des Taijiquan beherrscht bzw. vermitteln kann, er ist auch jemand, der auf Fragen ehrliche, klare Antworten gibt, die nicht immer mit dem Mainstream übereinstimmen und der mit seinem Wirken und seinen Ansichten nicht nur die europäische Taiji-Szene gelegentlich polarisiert.

***

Friedhelm Tippner: Dan, kannst Du uns bitte die Entwicklung des Taijiquan in Europa, so wie Du sie erlebt hast und siehst, schildern?

Dan Docherty: Wenn wir zu den Taiji-Anfängen in den 60er und 70er Jahren zurückblicken – eigentlich war es mehr in den 70ern, als die Menschen begannen sich für Taijiquan zu interessieren – da waren Chinas Grenzen verschlossen. Man konnte nicht in so einfach in China lernen, es war eine schwierige Sache, es sei denn, du hattest Beziehungen zum Diplomatischen Corps. In England gab es z.B. Gerda Geddes (1), ihr Ehemann war Diplomat und sie erlernte Taijiquan in Shanghai in den 1950ern, aber das war schon sehr außergewöhnlich.

Es war eher so, daß die Briten die Länder des alten Empires aufsuchten, sie reisten nach Malaysia, Singapur oder wie ich nach Hongkong; andere gingen nach Taiwan um dort Taijiquan zu lernen.

Da gab es welche mit Kampfkunsthintergrund aus dem Karate oder anderen Stilen, die wahrscheinlich mehr an den kämpferischen Aspekten des Taijiquan interessiert waren. Andererseits gab es Menschen, die z.B. Tänzer waren wie die bemerkenswerte Gerda Geddes und die mehr Gewicht auf die Bewegungen legten; die gesundheitlichen Vorteile des Taijiquan waren damals noch nicht so sehr bekannt.

1976 führte die Hongkonger Verwaltung ein Taijiquan-Unterrichtsprogramm in den Wohnblöcken und -siedlungen ein, das sehr beliebt wurde; es war zum Teil sicher auch so etwas wie Social Engineering. Die Menschen freundeten sich mit ihren Nachbarn an, mit Leuten aus dem selben Block; es war eine soziale Aktion, aber gesamt betrachtet förderte es auch die Gesundheit der Teilnehmer. Das war, soweit ich ich weiß, das größte Taijiquan-Gesundheitsprogramm, ich hätte gerne daran teilgenommen.

Das war die Anfangssituation des Taijiquan, die sehr verschieden war zur zweiten Welle, als die Leute wieder nach China einreisen konnten und mit Taijiquan zurückkamen. Es etablierten sich daraufhin zwei Sichtweisen – nämlich, daß die Lehrer, die auf Taiwan, in Malaysia, Singapur, Hongkong lebten, mehr den “real stuff” unterrichten würden, da sie nicht die politischen Verwicklungen mit der kommunistischen Regierung zu fürchten hatten; dagegen waren die Lehrer im Mutterland isoliert. Die andere Ansichtssache war, daß die Lehrer der berühmten Taiji-Familien in China mehr auf traditionelle Weise unterrichteten und ihr Wissen nicht mit Außenseitern austauschen wollten. Aber letztendlich gab es nur zwei Arten von Taijiquan, gutes und schlechtes, und das wars.

Eines der Dinge, die mich, als ich in die europäischen Taiji-Szene einstieg, befremdeten, war der Stellenwert des Push Hands. Als ich in Hongkong selber noch lernte und trainierte bzw. in meinem eigenen Unterricht ist Push Hands nur ein Teil des Curriculums, also nichts besonderes. Es ist nichts weiter als mit jemandem harmonisch auf kurze Distanz zu arbeiten, das ist alles, und nicht diese -zig Methoden von Push Hands: Wettkampf-Push Hands, “Kampf”-Push Hands, sogar so etwas wie ein Qigong-Push Hands wurde entwickelt.

Als ich zum ersten Mal beim Push Hands in Europa mitmachte galt ich als Verrückter, denn ich schob, stieß und warf, so, wie ich es in Hongkong gelernt hatte. Erst später realisierte ich, daß das die Leute schockierte, also hörte ich damit auf. Ich meine, daß sehr viele Menschen sehr unrealistische Vorstellungen vom Taijiquan haben. Bei den Chinesen gibt es ein Konzept namens Jibengong, das “Gong” ist das selbe wie in Qigong oder Gongfu, und das bedeutet einfach Basistraining. Du wiederholst bestimmte Übungen wieder und wieder und wieder, hunderte oder sogar tausende mal.

Friedhelm Tippner: So wie wir es gestern in Deinem Seminar machten?

Dan Docherty: Ja genau, aber die meisten Taijiler mögen diese Form des Trainings nicht. Ich glaube auch, das sie deshalb bestimmt Prinzipien nicht verstehen bzw. wie diese angewandt werden sollen; wie z.B. diese Geschichte von den 4 Gramm, mit denen man 1000 Kilo überwindet. Und wir sprechen hier nicht über den Angriff, wir sprechen über das Abwehren. Also, um das anbringen zu können, mußt du Schrittarbeit einsetzen, Dein Körper muß ausweichen und nachgeben, aber der Großteil der Taijiler trainiert diese Dinge nicht, sie bevorzugen das Formenlaufen. Die Techniken kommen jedoch nicht aus der Form, die Form entstand aus den Techniken und der Schrittarbeit – du mußt unbedingt die Schrittarbeit einbeziehen – deshalb halte ich die Ansichten dieser Personen für unrealistisch.

Es ist so, daß viele Taijiquan auch für eine Art von Qigong oder so etwas wie Meditation halten, was an sich nicht ganz falsch ist, aber sie wollen nicht diese Menge verschiedener Bewegungen lernen, es ist mental und physisch zu ermüdend und sie erwarten, daß Taijiquan etwas ist, das man leicht erlernen kann, daß es sanft und meditativ und ähnlich wie Qigong ist.

Wirklich, wenn man ihnen nur noch einzelne Bewegungen beibringt, ist das für sie in Ordnung, das ist eine Art von Bequemlichkeit – und heutzutage, das sind Entwicklungen, wie sie in Fernost geschehen – machen sie jetzt so etwas wie “Fastfood-Taijiquan”, also Kurzformen; es ist mittlerweile soweit gekommen, daß sie eine Chen-Stil Kurzform mit nur 8 Bewegungen unterrichten, 8 Bewegungen!

Friedhelm Tippner: 8 Bewegungen?

Dan Docherty: Ja, nur 8 Bewegungen, 8 Techniken, und das ist genau das was die meisten Leute wünschen, langsame Dinge, vielleicht wegen des Tempos der heutigen Zeit; die Menschen mußten noch vor ein paar Jahren physisch härter arbeiten, doch heute arbeiten sie überwiegend in sitzender Position, fahren ihre Autos, im Büro arbeiten sie mit dem Computer, spielen Videospiele und all das Zeug und bewegen sich kaum noch ausgiebig, weil keine Notwendigkeit dazu mehr besteht. Deshalb ist die körperliche Belastbarkeit gegenwärtig wesentlich geringer geworden als vor 10 Jahren.

Leute, die nur am Computer 8 Stunden am Tag im Internet arbeiten, kommen dann nach Hause und setzen sich wieder vor den Computer – ihre Körper sind nicht trainiert, das ist ihre Art und Weise wie sie leben, sie machen jede Art von Training – ich benutze den Begriff “Training” – sehr weich, sie können es sonst nicht durchhalten …

Friedhelm Tippner: Okay …

Dan Docherty: Heute haben wir eine Welt des heterodoxen und synkretistischen Taijiquan, die Leute üben eine Menge verschiedener Dinge. Ich sprach mit einem Freund von mir, Luigi Zanini aus Italien, ein Bagua-Stilist – wir waren als Kampfrichter auf einer europäischen Meisterschaft in Schweden letztes Jahr – über einen bestimmten Teilnehmer aus Russland, der in der Bagua-Sektion startete. Luigi sagte, ich stimme mit Dir überein, sein Bagua ist gut, aber er benutzt das Fajin aus dem Chen-Stil Taijiquan. Das passiert, wenn die Leute nicht wissen, wie sie wirklich damit umgehen sollen, sie können sehr gute Kampfsportler sein, aber sie machen keinen “reinen” Stil, sie mischen verschiedene Stile einfach zusammen. Es kommt sehr häufig vor, daß die Leute nicht wissen, was woher stammt.

Natürlich haben sich die verschiedenen Kampfkunststile in gewisser Weise gegenseitig beeinflußt, im Baguazhang, Xingyiquan und im Taijiquan gibt es beispielsweise Ähnlichkeiten in der Terminologie. Ich fragte einst Cornelia Grubers Lehrerin, Bow Sim Mark, nach dem Unterschied zwischen Taijiquan und Baguazhang. Sie sagte, es ist unsere Schrittarbeit, wir haben Bai Bu, Kou Bu und ich antwortete, daß es die im Taijiquan auch gibt, die gleichen Schritte, wir benutzen nur andere Bezeichnungen. Frag’ wen du willst – natürlich geht man im Bagua im Kreis, aber auch im Taijiquan geht man mitunter in Kreisbögen.

Unterm Strich ist das Problem, daß die Leute immer weniger und weniger tun, sie machen Kurz-Kurzformen, sie haben zu wenig Zeit; sie behaupten zwar, daß sie alle Taijiquan ernsthaft und gut ausüben, aber die Anzahl derer, die wirklich gutes Taijiquan machen, wird immer geringer.

Friedhelm Tippner: Dan, was sind Deine Ziele in der nächsten Zeit?

Dan Docherty: Was mich sehr interessiert ist, den Symbolgehalt der chinesischen Namensgebungen der Formbilder für uns Westler zu decodieren.

Friedhelm Tippner: Du führst also die Namen der Bewegungen auf den Ursprung zurück?

Dan Docherty: Es gibt im Taijiquan in den Bezeichnungen der Bilder der Form eine Menge Symbolismus, beispielsweise “step back to beat the tiger”, das aus einem Kapitel des Buches “Water Margin” stammt (2) und ich arbeite daran, diese Symbole zu entschlüsseln bzw. schreibe ein Buch darüber (3); sogar viele Chinesen sind sich sich dieser Dinge nicht bewußt und das ist es, was ich gerne weitermachen möchte.

Friedhelm Tippner: Meiner Ansicht nach eine sehr interessante Aufgabe. Dan, hab’ vielen Dank für dieses Interview!

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(1) Gerda Geddes war eine der englischen Taiji-Wegbereiterinnen, ein Interview mit ihr (in englischer Sprache) ist hier zu finden.

(2) “Water Margin” könnte man mit “Wassergrenze, -saum, -rand” oder vielleicht auch mit “Wasserscheide” übersetzen und ist eine der 4 großen Novellen der klassischen chinesischen Literatur, bei uns vielleicht besser bekannt als “Die Rebellen von Liang Shan Po” (genauer: “Die Räuber vom Moor am Berg Liang”), obgleich dies nur ein Teil des Gesamtwerkes ist.

(3) Dans Buch ist mittlerweile fast fertig und ich werde es nach Erscheinen in meinem Liuhe Bafa-Blog rezensieren; man kann es jetzt schon hier vorbestellen.

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Gespräch mit dem amerikanischen Liuhe Bafa- und Taijiquan-Meister Nathan Menaged

Sonntag, 10. August 2008 23:07

Anmerkung: Mit großem Bedauern muß ich eingestehen, daß ich viel zu spät entdeckte, daß das Aufnahmegerät über einen Defekt verfügt – dadurch wurde die bisherige Niederschrift bzw. die Übersetzung zu einer extrem langwierigen, fast “Wort-für-Wort”-Aktion, die immer noch nicht abgeschlossen ist, weil die mir dafür zur Verfügung stehenden Freiräume leider streng limitiert sind und ich noch zahlreiche andere Verpflichtungen habe.

Darüber hinaus wurden Abschnitte des Interviews in einem Straßencafé geführt; leider erwies sich beim Abhören der Aufzeichnung, daß der laute Straßen- und Verkehrslärm einige Passagen nahezu unverständlich machte. Ich habe diese Teile nach bestem Wissen und Gewissen aus dem Gedächtnis “rekonstruiert”. Des Weiteren habe ich das gesamte Gespräch gestrafft und in eine, wie ich hoffe, gut lesbare Form gebracht.

Ich habe mich nunmehr entschlossen, wenigstens den bisher fertiggestellten Teil des Interviews schon vorab zu veröffentlichen; der Rest wird sukzessive nachgeliefert.

Portrait_Nathan_Menaged.gifAngelegentlich eines mehrtägigen Liuhe Bafa-Seminars, das Sifu Menaged im Tai Chi und Chi Gong Institut in Düsseldorf gab, bekam ich durch die freundliche Einladung des Institutleiters Detlef Klossow (nochmals besten Dank!) Gelegenheit, Nathan am 16. Juli d.J. zu interviewen sowie als Gast in der angenehmen Atmosphäre dieser Schule auch am Unterricht teilzunehmen, in dessen Verlauf Nathan in seiner lockeren und humorvollen, aber nie unpräzisen Art daran ging, allen TeilnehmerInnen die Prinzipien seiner LHBF-Linie anhand verschiedener Anwendungsbeispiele zu verdeutlichen; sein Schüler Paul assistierte ihm und “flog” dabei auch gelegentlich.

Sifu Nathan Menaged begann sein Studium der Kampfkünste 1976 mit dem Okinawa Goju Ryu-Karate unter Sensei (Meister) Robert Taiani und brachte es darin bis zum 3. Dan.

Im weiteren Verlauf seines Weges wandte sich Nathan Menaged dann den “inneren” Stilen (Neijia) zu und wurde Meisterschüler sowohl von William C.C. Chen, Privatschüler des bekannten Taijiquan-Großmeisters Cheng Man-Ching (1900-1975) als auch von Dr. Tao Ping-Siang (verstorben 2006), der Taijiquan ebenfalls von Professor Cheng Man-Ching erlernte und Liuhe Bafa direkt von Großmeister Wu Yi Hui.

Nathan, der über mehr als 20 Jahre Unterrichtserfahrung verfügt, unterrichtet in seinen Liuhe Bafa-/Taijiquan-Seminaren und -Workshops, die er regelmäßig in Frankreich, England und Spanien bzw. in Deutschland gibt, die Quintessenz dessen, was er bei seinen drei Lehrern studiert hat – William C.C. Chens Taiji-Körpermechanik, Dr. Taos einzigartige Kunst des Nachgebens und Robert Taianis Wertlegung auf Behändigkeit sowie des Einschätzens einer Situation.

Eine kleine Demonstration seiner Liuhe Bafa-Form kann man hier anschauen.

FT: Können Sie mir bitte einen kurzen Überblick über Ihren Werdegang in den Kampfkünsten geben?

NM: Ich begann 1976 mit dem Okinawa Goju Ryu-Karate. Das war meine erste Kampfkunst, die ich bis zum 3. Dan ausübte, aber dann wegen einer Verletzung aufgeben mußte. Mein Lehrer war Robert Taiani, ein sehr traditionsbewußter Mann, der die Kampfkunst seit über 40 Jahren erforscht und hinterfragt. Ich stehe noch heute mit ihm in Kontakt.

Nachdem die Verletzung ausgeheilt war, begann ich bei Meister William C.C.Chen mit dem Taijiquan, das war so um 1988, und im selben Jahr begegnete ich auch Meister Tao in Meister Chens Schule. Meister Chen und Meister Tao kannten sich von früher her gut, sie lebten damals zur selben Zeit in Professor Cheng Man Chings Haus.

Meister Tao kam für einige Seminare zu Meister Chen in dem Jahr, als ich dort anfing. Ich begleitete Meister Tao bei vielen Workshops in die verschiedensten Städte, aber es verging einige Zeit, bevor er LHBF unterrichtete. Seit 1988 folgte ich also Meister Tao, bis dieser 2006 verstarb, sowie bis heute Meister William C.C.Chen.

FT: Wie sind Sie schließlich zum LHBF gekommen?

Transit_lone_goose.gifNM: Nun, ich sah Meister Tao bei einer Vorführung, das war so um ‘88 oder ‘89, und als ich es sah, verliebte ich mich darin (O-Ton: I fell in love with it – lacht) und ich bat ihn um Unterricht. Er sagte, noch nicht jetzt, aber von diesem Moment hatte ich den Wunsch, es zu erlernen. Es war etwas, was mein Innerstes berührte und ich dachte, daß es durch diesen Stil möglich ist, diesem Inneren Gestalt zu geben.

FT: Sie sind sowohl Lehrer des Taijiquan als auch des LHBF. Wo sehen Sie Ähnlichkeiten bzw. die Unterschiede?

NM: Meister Tao sagte, daß LHBF Elemente von Taiji, Xingyi und Bagua enthält – es stammt zwar nicht von diesen 3 Stilen ab, jedoch sind Prinzipien davon im LHBF zu finden.

Ich kennen nicht alle LHBF-Linien, aber mir wurde gesagt, daß viele Lehrer das so machen, sie bringen unterschiedliche Dinge ein; z.B. gibt es Meister, deren LHBF an Chen-Stil Taijiquan erinnert, es ist wunderschön, es ist deren Art, sich auszudrücken. Der Kern meines LHBF, eigentlich Meister Taos LHBF, ist Taijiquan, so wie er es lehrte – natürlich auch mit Anteilen von Xingyi und Bagua. Diese Stile erlernte er vor dem Taijiquan, aber der Hauptaspekt ist das Nachgeben und Ausweichen (yielding).

Also, das Herzstück unserer Wasserform ist Taijiquan, so, wie wir es ausüben. Unser LHBF ist damit nicht besser als das anderer Linien, sondern einfach nur anders.

FT: Es ist wirklich interessant, wie viele verschiedene Interpretationen es davon gibt. Ich sammele z.B. LHBF-Videoclips, die ich im Web recherchiere und es gibt so viele Unterschiede. Manche Linien erinnern mehr an Taijiquan, andere dagegen mehr an Xingyi oder Bagua.

Meine nächste Frage bezieht sich auf LHBF-spezifisches Neigong/Qigong und gibt es in Ihrer Linie außer der Hauptform auch zusätzliche Übungen?

NM: Wie Sie wissen, lernte Meister Tao das Liuhe Bafa um 1938 an der Nanjing Universität direkt von Großmeister Wu Yi Hui – ich weiß natürlich nicht, was Dr. Tao da alles erlernte, da Wu Yi Hui individuell unterrichtete und damals auch viele andere berühmte Meister des Xingyiquan und des Baguazhang dort waren.

Es war für mich ein echter Glücksfall, solch einen Lehrer zu haben. Meister Tao lebte lange Zeit in meinem Haus und unterrichtet auch meine Sohn in verschiedenen Dingen. Als ich ihn nach zusätzlichen Übungen befragte, sagte er nur, trainiere einfach das, was ich dir zeige – alles was ich kann, ist darin enthalten. Wenn es also besondere Übungen gibt, so sind sie nicht Bestandteil unserer Linie. Für mich liegt alles Essentielle in dem, was er mich lehrte. Alles, was du brauchst, liegt darin, sagte er.

Transit_push_boat.gifFT: Wie war das, als Sie bei Dr. Tao LHBF erlernten? Wie unterrichtete er?

NM: Zuerst unterrichtete er den “Umriß”, später dann die “inneren” Dinge. Man lernte also zuerst einige Bewegungen, übte sie, lernte weitere Bewegungen. Wenn ich ihn bat, diese zu wiederholen, fügte er einige neue Bewegungen dazu – deshalb fragte ich ihn nicht zu oft (lacht).

Eine andere Sache waren die Anwendungen. Anfangs zeigte er nicht viele Anwendungen; er glaubte, daß dadurch zuviele Einschränkungen entstehen, weil sie die Schüler nur auf bloße Techniken festlegen.

FT: Sie nehmen meine nächste Frage vorweg.

NM: Anwendungen bestimmter (Form-)Bewegungen, die sich in meinem Gedächtnis festsetzen, bedeutet für mich, daß ich nicht wirklich lebendig, frei agieren kann. Wenn jemand so kommt, mache ich dies und wenn jemand so kommt, mache ich das. Das ist starr. Aber was ist, wenn der Gegner stärker, langsamer, schneller oder aus anderen Winkeln angreift? Es entspricht nicht den 6 Harmonien, es muß frei sein.

Wenn ich ihn z.B. angriff, dann machte er einige Anwendungen, aber er sagte nicht, aus welchem Teil der Form sie waren. Später, wenn ich alleine übte, kam ich dann von selbst darauf.

Wird fortgesetzt!

Erläuterungen zu den Bildern, von oben nach unten:

Bild 1 – Meister Nathan Menaged

Bild 2 – Transitbewegung von Bild 9 “Die einsame Wildgans löst sich vom Schwarm” zu Bild 10 “Das Wildpferd jagt dem Wind hinterher”

Bild 3 – Transitbewegung von Bild 17 “Das Boot mit der Strömung schieben” zu Bild 18 “Das zornige Pferd wendet den Kopf herum”

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Interview mit Liuhe Bafa-Meister Thomas Choi

Sonntag, 2. Dezember 2007 23:36

thomas_choi.jpgMeister Thomas Choi begann seine Kampfkunstlaufbahn 1965 im Alter von 15 Jahren mit Nord-Shaolin Kung Fu. Im Jahr 1967 erlernte er Liuhe Bafa zunächst von Meister Li Chung und ab 1969 studierte er unter Großmeister Chan Yik Yan. Heute lebt und arbeitet Meister Thomas Choi als Geschäftsmann in Hong Kong und unterrichtet Menschen, die Liuhe Bafa zu schätzen wissen.

Das Interview führten Karl-Heinz Klug und Friedhelm Tippner im November 2007, übersetzt ins Deutsche und überarbeitet durch Friedhelm Tippner.

FRAGE: Um Sie unseren Lesern vorzustellen möchte ich unser Gespräch zunächst mit der Frage nach Ihrer persönlichen Kampfkunst-Geschichte eröffnen. Wie kamen Sie zum ersten Mal mit den Kampfkünsten in Berührung und aus welchem Grund entschieden Sie sich, Liuhe Bafa zu erlernen?

ANTWORT: 1965, als ich 15 war, begann ich für die folgenden 2 Jahre Nord-Shaolin Kung Fu zu erlernen, später, 1967, wurde ich Mitglied in der sogenannten “HuaYu XiYi YuQuan”-Schule (das bedeutet “Weicher XiYi Kampfstil vom Berg Hua” *) in Hong Kong (für 5,- HK$ Monatsbeitrag; sie wurde von der örtlichen Sozialgemeinschaft gesponsort, schauen Sie sich bitte Anhang A1 an). Der Hauptlehrer war Li Chung, assistiert von Lo Chi Wan und Poon Nai Chung. Erst später erfuhr ich durch Meister Poon, den ich fast täglich – er wohnte ziemlich nahe meiner Wohnung – zum Privatunterricht (für 15,- HK$ im Monat) aufsuchte, daß der eigentliche Name Liuhe Bafa war.

*) Anmerkung des Übersetzers: [Chen] XiYi war einer der anderen Namen des Chen Tuan, der als legendärer Begründer des Liuhe Bafa gilt. Er soll ihm von Taizong, dem zweiten Herrscher (976 – 997) der nördlichen Song-Dynastie (960 – 1127) verliehen worden sein und bedeutet: “[Chen] der Unergründliche”. Es wäre also auch folgende Übersetzung denkbar: “Weicher Kampfstil des Unergründlichen vom Berg Hua”.

Ich erlernte von meinen Lehrern die erste Hälfte der 66 Bilder der Hauptform, doch der Unterricht wurde darüber hinaus nie weitergeführt in den zweiten Teil; Meister Poon sagte mir, daß er beabsichtigte, mich seinem Lehrer, Großmeister Chan Yik Yan, vorzustellen, um den zweiten Teil eines Tages fortführen zu können, denn sie hatten von ihm nur den ersten Teil der Form gelernt, aber diese Begegnung kam nicht zustande. Der Unterricht dauerte 2 Jahre und ich übte stetig den ersten Teil sowie stehendes Qigong. Ich habe zwar keine Erfahrungen mit Sparring, aber seitdem kann mein Körper starken Schlägen in den Bauch widerstehen.

lhbf_29_breeze_sweeps_away_the_leaves.jpgDer 25. Juli 1969 war ein großer Tag für mich, denn einer meiner Onkel, Herr Yip, brachte mich zum Freund seines Freundes – Großmeister Chan Yik Yan. Er forderte mich auf ihm zu zeigen, was ich bisher gelernt hatte, aber dann lehnte er es ab, mich als seinen Schüler anzunehmen, denn er befürchtete, daß die Leute behaupten würden, er ziehe von Li Chung die Schüler ab. Ich flehte ihn unter Tränen an und glücklicherweise bat auch Großmeister Chans Frau, mich zu akzeptieren; selbstverständlich half Herr Yip ebenfalls. (Zu Ihrer Information – das Lehrgeld betrug 50,- HK$ monatlich für zweimal die Woche Abendunterricht; zu dieser Zeit betrug das Monatsgehalt eines Polizisten unter 400 HK$. Mein Vater übernahm alle Ausgaben, ich war damals Student.)

FRAGE: Es heißt, daß Großmeister Chan Yik Yan der erste Nachfolger von Großmeister Wu Yi Hui war und wie Sie vorher erwähnten, haben Sie direkt von Großmeister Chan Yik Yan gelernt. Können Sie uns einige Eindrücke der Art und Weise vermitteln, wie Großmeister Chan Yik Yan Sie und die anderen Schüler unterrichtete?

11_bild_60.jpgANTWORT: Großmeister Chan Yik Yan unterrichtete überwiegend die 66 Bilder der Hauptform – jede Bewegung sehr detailliert, die Schrittarbeit, wie die Anwendungen auszuführen waren sowie die geistige Einstellung und den Gesichtssinn etc. Gut war, daß viele unserer Senior-Schüler wie Lung Wah, Chow Tim, Wai Lun Choi ausgezeichnete Kenntnisse der Kampfkünste hatten; sie stellten viele Fragen und Großmeister Chan Yik Yan zeigte bzw. erklärte uns die Techniken und die geistige Einstellung – ich hielt alles nach dem Unterricht in meinem Tagebuch fest.

Er unterrichtete auch einige der Schüler individuell. Einmal zeigte er uns im kleinen Kreis die Hauptform, seine Hände schienen wie von Gummibändern geführt, der ganze Körper bewegte sich wie von einem Magneten angezogen und sein Hemd war nach nur sehr wenigen Bewegungen durchnäßt wie nach einem Regenschauer. Während des Unterrichts wurden viele unserer Fragen gewöhnlich damit eröffnet, daß wir nach ihm zu schlagen oder zu treten hatten (nicht Push Hands) und die Antwort war eine kleine Bewegung von ihm – er berührte uns am Kopf oder am Körper im Bruchteil einer Sekunde (eine Sekunde erschien ihm ziemlich lang), anschließend zeigte er uns alles langsam mit Erläuterungen und in vielen verschiedenen Ausführungen.

FRAGE: Können Sie uns einige Anekdoten aus dem Leben und Lehren von Großmeister Chan Yik erzählen?

ANTWORT: Unsere Schule war auf dem Dach des 9. Stockwerks eines Gebäudes im Stadtteil Wan Chai gelegen, dort unterrichtete er uns unter offenem Himmel; Großmeister Chan, seine Frau und ihr Hund hatten da auch ihre Wohnung. Soweit ich mich erinnere, spielte er gerne Majong (ein traditionelles chinesiches Spiel mit 4 Teilnehmern) und schaute sich Boxkämpfe im Fernsehen an; Muhammad Ali war zu dieser Zeit einer seiner favorisierten Boxer.

FRAGE: Wie würden Sie die Unterschiede zwischen Großmeister Chan Yik Yans und Meister John Chung Lis Liuhe Bafa beschreiben?

ANTWORT: Großmeister Chan Yik Yan zeigte wesentlich mehr von den Anwendungen des Liuhe Bafa mit allen Arten von Möglichkeiten, wie man einem Gegner begegnen sollte und er legte stets großen Wert darauf, daß Selbstvertrauen/Ausgeglichenheit eines der wichtigsten Dinge dabei ist. Meister John Chung Li unterrichtete die Bewegungen ebenfalls sehr detailliert, aber er legte mehr Wert auf den Aspekt der Gesundheitserhaltung. Ich denke, daß die meisten unserer Mitschüler der Klasse aus eben diesen Gründen wie sie im Anhang A1 aufgelistet sind, beitraten. Es ist nur zum Zwecke einer guten Gesundheit, daher hatten die meisten Schüler auch keine Kampfkunsterfahrung.

Meister John Chung Li war ein guter Lehrer und obendrein ein sehr netter Mensch. Zu schade, daß beide alten Meister untereinander Probleme hatten und sich aus dem Weg gingen, doch niemals hörte ich einen von ihnen vor uns schlecht über den anderen reden.

FRAGE: Wenn Großmeister Chan Yik Yan die Anwendungen zeigte – waren es Beispiele, die sich 1:1 am Bewegungsablauf der Form orientierten oder Anwendungen der Prinzipien dieser Bewegungen. Ich frage deshalb weil mir beigebracht wurde, das die Inneren Kampfkünste prinzipienbasiert sind und nicht auf Techniken beruhen.

ANTWORT:
Großmeister Chan Yik Yan demonstrierte bei den Anwendungen sowohl die exakten Bewegungsabläufe der Form als auch deren immanente Prinzipien. Die Techniken sind am Anfang sehr wichtig; erst dann, wenn Sie ein tieferes Verständnis für die Techniken entwickelt haben, können Sie über die Prinzipien sprechen. Ich weiß, daß einige der Inneren Kampfkünste die “Mentale Vorstellung”, aber keine Formen trainieren, aber Liuhe Bafa sollte beides beinhalten.

FRAGE: Wie lief denn damals so ein Unterricht normalerweise ab? Benutzten Sie Hilfsmittel (Gewichte z.B.), gab es Liuhe Bafa-spezifische Partnerübungen oder etwas, was man mit dem Tui Shou des Taijiquan vergleichen könnte?

ANTWORT: Wenn wir in der Schule ankamen übten wir die bisher erlernte Form; die älteren Schüler wie Wai Lun Choi assistierten Großmeister Chan Yik Yan dabei, uns zu korrigieren bzw. uns mehr der Feinheiten zu erklären. Später dann begannen wir, neue Bewegungen zu erlernen und blieben, bis es sehr spät war.

Partnerübungen gab es erst nach einer sehr langen Lehrzeit, sie sind sehr verschieden vom Tui Shou des Taijiquan, und die Übungen mit der Holzkugel wurden nach der Schule zuhause gemacht.

FRAGE: Können Sie etwas zu den Liuhe Bafa-spezifischen Partnerübungen erläutern?

ANTWORT: Bei 2-Personen-Übungen standen wir uns gegenüber, die Handrücken bei gleicher Körperseite aneinandergelegt. Wenn ich dann einen Fauststoß über die Mittellinie in Richtung der Nase meines Gegenübers machte, so spiralte er seine Hand hoch und in einem kleinen Kreis herunter um meine Faust abzufangen bzw. herunterzudrücken; seine andere Hand hielt er zum Schutz in der Ellbogenposition, vergleichbar den Eröffnungsbewegungen der Liuhe Bafa-Hauptform. Dann wurden die Seiten gewechselt und so weiter und so fort. Das Grundprinzip ist ziemlich ähnlich dem der Übung mit der hölzernen Kugel.

FRAGE: Machten Sie damals auch Sparring oder Freikampf-Training?

ANTWORT: Ich NICHT.

FRAGE: Ist das Abhärten des Körpers Bestandteil Ihres Liuhe Bafa-Trainingsprogramms? Falls ja, welche Übungen machen Sie?

ANTWORT: Es gibt kein eigenes Programm, um den Körper abzuhärten, nur regelmäßiges Üben der Form mit zusätzlicher stehender Meditation/Qigong.

lhbf-ball-1.jpgFRAGE: Was hat es eigentlich mit den Übungen mit einer (hölzernen?) Kugel auf einem Tisch auf sich?

ANTWORT: Klingt sehr einfach, die Holzkugel wird mit der Hand gerollt, während die Bewegung aus dem ganzen Körper kommt.

FRAGE: Soweit ich weiß wird oft behauptet, daß es im ursprünglichen Liuhe Bafa keine Waffen bzw. Waffenformen gibt. Übten Sie mit Waffen und falls ja, welche waren es?

ANTWORT: Ich selbst lernte keinerlei Waffen, aber einige meiner Mitschüler könnten es schon.

lhbf_20_water_falls_from_high_mountains.jpgFRAGE: Viele Lehrer unterrichten ausschließlich die lange Form. Gibt es in Ihrer Liuhe Bafa-Linie auch nur die lange Form oder existieren noch zusätzliche Formen oder Übungen wie z.B. ein spezielles Qigong?

ANTWORT: Ich erlernte nur die 66 Bilder der Hauptform und Qigong, Partnerübungen sowie zusätzlich Übungen mit der Holzkugel. Es gibt noch viele kurze Formen von Großmeister Chan Yik Yan, doch für mich ist die 66er Hauptform schon fast zuviel.

FRAGE: Woher stammen diese zusätzlichen Formen? Sie sind nicht in Wu Yi Huis Buch erwähnt. Ich hörte darüber verschiedene Theorien. Eine davon ist, das sie später hinzugefügt wurden, um den Schülern das Erlernen bzw. das Verständnis der langen Form zu erleichtern.

ANTWORT: Als ich nach vielen Jahren rückblickend nochmals die kurzen Formen überdachte stellte ich fest, daß die meisten Bewegungen auch in der 66er Hauptform enthalten sind. Die kurzen Formen mögen gut sein für Schüler, die nur an einem kurzem Lehrgang teilnehmen.

FRAGE: Mir wurde gesagt, daß im Liuhe Bafa die Anwendung des “Yi” höher geschätzt wird als die des “Qi”. Wie denken Sie darüber?

ANTWORT: Ist das Yi da-und-da, so ist auch das Qi dort. Nach meinem Verständnis ist Yi = Vorstellung oder Absicht, Qi = Energie oder ein magnetisches Feld.

FRAGE: Um noch einmal auf das “Yi” zurückzukommen – es wird ja gesagt, daß das Yi das Qi führt und das Qi führt seinerseits die Gliedmaßen. Gibt es dazu mehr zu sagen? Wie praktizieren bzw. übten Sie das “Yi” im Liuhe Bafa?

ANTWORT: Liuhe Bafa legt Wert darauf, nicht mit Gewalt oder Kraft zu arbeiten; dies bedeutet, das sich der ganze Körper in einem entspannten Status befinden soll. Dann ist es leicht, daß das Yi (Vorstellung) und das Qi (Energie) die Bewegung der Gliedmaßen lenkt. Das vergrößert auch von Tag zu Tag unsere verborgene Energie.

FRAGE: Es heißt, das Chen Bo, der legendäre Begründer des Liuhe Bafa, erfahren war in einer speziellen Form der Traum-Meditation bzw. des Traum-Qigong. Verfügte Großmeister Chan Yik Yan über Kenntnisse davon bzw. unterrichtete er dies auch? Es ist sehr schwierig, darüber überhaupt Informationen zu finden.

ANTWORT: Ich kann mich nicht erinnern, daß Großmeister Chan Yik Yan das jemals erwähnte, aber die sogenannte Traum-Meditation ist eher eine Qigong-Form, die man liegend im Bett ausübt und gut geeignet ist für sehr alte oder geschwächte Menschen. Es gibt darüber ein bebildertes Buch, doch die Voraussetzungen gelten nicht für mich; ich kann Ihnen aber, falls erwünscht, eine Kopie senden.

FRAGE: Die Hauptform besteht aus zwei Abschnitten und ich hörte davon, daß einige Liuhe Bafa-Lehrer ihren Schülern empfehlen, diese beiden Teile gesondert voneinander zu üben. Wie denken Sie darüber?

ANTWORT: Wir übten sie verbunden, die erste Hälfte sehr langsam und die zweite in schnellem Tempo. Es ist schon in Ordnung, die beiden Abschnitte gesondert zu üben. Manchmal, wenn die Zeit es nicht zuläßt, trainiere ich nur den ersten Teil.

FRAGE: Wie ist Ihr Standpunkt zu der Behauptung, daß Liuhe Bafa eine Kombination dreier anderer innerer Stile, nämlich Taiji, Xingyi und Bagua ist und/oder einige oder all’ deren Prinzipien enthält und falls dies stimmt, warum ist das so?

ANTWORT: Persönlich glaube ich, daß bei weit über 700 Bewegungen in den 66 Bildern der Hauptform viele Bewegungen mit Taiji, Xingyi oder Bagua verglichen werden können. Denn alle unsere großen Meister waren Menschen und das begrenzt den körperlichen Bewegungsspielraum in gewisser Weise; deshalb sind Ähnlichkeiten nur natürlich.

FRAGE: Was macht Ihrer Meinung nach Liuhe Bafa verschieden von anderen Inneren Stilen? Was ist das ganz Spezielle, das Einzigartige des Liuhe Bafa und wo kann man es finden?

ANTWORT: Es ist ein fortgeschrittenes Fach in den Inneren Kampfkünsten; es ist schon schwierig genug, eine so lange Form im Gedächtnis zu behalten, dazu noch das komplette physische und mentale Training. Ich bin sicher, daß es viele gute Liuhe Bafa-Lehrer auf der Welt gibt, obgleich ich den meisten bisher noch nicht begegnet bin. Was professionelle Lehrer betrifft, so schätze ich persönlich meine Mitschüler wie Wai Lun Choi aus Chikago, der sich aber mittlerweile zur Ruhe gesetzt hat und Kam Tung, der in Hong Kong lehrt sowie Paul Roberts, einen jungen Mann, der in Japan unterrichtet und sicher einmal ein großer Meister werden wird, weil er seine gesamte Kraft dem Liuhe Bafa widmet.

FRAGE: Was glauben Sie ist die Quintessenz des Liuhe Bafa?

ANTWORT: Liuhe Bafa hält dich gesund, ist ausgezeichnet geeignet zur Selbstverteidigung, stärkt dein Selbstvertrauen auf und macht dich zu einem mutigen Menschen, der allen Arten von Schwierigkeiten trotzen kann.

FRAGE: Was ist Ihrer Ansicht nach der Grund dafür, daß die heutigen Liuhe Bafa-Schulen zwar alle von der selben Quelle abstammen, aber zum Teil sehr unterschiedliche Auffassungen darüber haben, was die Ausführung der Hauptform betrifft?

lhbf_14_green_dragon_stretches_its_claws.jpgANTWORT: Da alle Schulen mit Stolz verkünden, daß Wu Yi Hui unser Großmeister war, ist es nicht nötig, darüber weitere Worte zu verlieren. Wir nehmen gerne als Beispiel, daß die Liuhe Bafa-Hauptform der chinesischen Schrift gleicht – jeder Mensch hat eine ihm eigene Handschrift, es gibt sehr unterschiedliche Schreibweisen, aber die Bedeutung der Zeichen ist dennoch die selbe. Daß teilweise sehr unterschiedliche Auffassungen der Hauptform existieren ist kein großes Problem – sehen Sie, im Taiji gibt es so viele unterschiedliche Stile, aber alle sind großartig.

FRAGE: Haben Sie jemals etwas von der Geschichte bzw. der Übertragungslinie des Liuhe Bafa aus der Zeitspanne vor Großmeister Wu Yi Hui und dessen Lehrern gehört?

ANTWORT: Wir lernten aus den Erzählungen von Großmeister Wu, nichts weiter.

FRAGE: Zu guter Letzt – würden Sie uns einen Rat geben, auf was wir als ernsthafte Liuhe Bafa-Praktizierende beim Üben und in der Theorie besonders achten sollten?

ANTWORT: Es gibt viele Auslegungen der chinesischen Schriftzeichen Yi/Qi … Geist/Leere …, machen Sie es nicht zu kompliziert, nur konzentrieren, entspannen und üben Sie stetig Tag für Tag; dann, nach einer Weile, beschäftigen Sie sich mit dem 5-Wörter-Buch *), Sie werden dessen Bedeutung ebenso von Tag zu Tag besser verstehen. Üben ist GOLD!

*) Anmerkung des Übersetzers: Liuhe Bafa 5 Wörter [= Schriftzeichen] Geheimnisse – ein Text, der in 134 Zeilen mit je 5 Schriftzeichen die Prinzipien und die Quintessenz des Systems enthält; als Autor gilt Li Dongfeng.

Herzlichen Dank für Ihre Zeit und Geduld, alle diese Fragen zu beantworten.

Ich danke Ihnen ebenfalls!

Erläuterungen zu den Bilder, von oben nach unten:

Bild 1 – Meister Thomas Choi, Hong Kong
Bild 2 – Meister Thomas Choi mit Bild 29 der LHBF-Hauptform,
“breeze sweeps away the leaves”
Bild 3 – Großmeister Chan Yik Yan mit Bild 60 der LHBF-Hauptform,
“boy embraces a zither”
Bild 4 – Übungen mit der Holzkugel
Bild 5 – Meister Thomas Choi mit Bild 20 der LHBF-Hauptform,
“water falls from high mountains”
Bild 6 – Meister Thomas Choi mit Bild 14 der LHBF-Hauptform,
“green dragon stretches its claws”

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