Ein Interview mit dem Taijiquan-Lehrer Dan Docherty
Donnerstag, 9. April 2009 18:15

Dan Docherty in Hannover
Während meines Aufenthalts in Hannover anläßlich des 9. Internationalen Push Hands-Treffen vom 14. bis 22. Februar 2009 hatte ich Gelegenheit, mich mit Dan Docherty zu unterhalten und ihn zu seiner ganz persönlichen Sicht der Entwicklung des Taijiquans in Europa, ausgehend von den frühen Anfängen bis zum heutigen Tage, zu befragen. Der gebürtige Schotte, der nicht nur in Großbritannien als Taijiquan-Lehrer der “alten Schule” bekannt ist, lebt und unterrichtet heute in London, gibt aber auch Seminare etc. in anderen Ländern.
Ich persönlich schätze Dan sehr. Er ist in meinen Augen nicht nur ein sehr kompetenter Lehrer, der nebenbei gesagt auch die kämpferischen Aspekte des Taijiquan beherrscht bzw. vermitteln kann, er ist auch jemand, der auf Fragen ehrliche, klare Antworten gibt, die nicht immer mit dem Mainstream übereinstimmen und der mit seinem Wirken und seinen Ansichten nicht nur die europäische Taiji-Szene gelegentlich polarisiert.
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Friedhelm Tippner: Dan, kannst Du uns bitte die Entwicklung des Taijiquan in Europa, so wie Du sie erlebt hast und siehst, schildern?
Dan Docherty: Wenn wir zu den Taiji-Anfängen in den 60er und 70er Jahren zurückblicken – eigentlich war es mehr in den 70ern, als die Menschen begannen sich für Taijiquan zu interessieren – da waren Chinas Grenzen verschlossen. Man konnte nicht in so einfach in China lernen, es war eine schwierige Sache, es sei denn, du hattest Beziehungen zum Diplomatischen Corps. In England gab es z.B. Gerda Geddes (1), ihr Ehemann war Diplomat und sie erlernte Taijiquan in Shanghai in den 1950ern, aber das war schon sehr außergewöhnlich.
Es war eher so, daß die Briten die Länder des alten Empires aufsuchten, sie reisten nach Malaysia, Singapur oder wie ich nach Hongkong; andere gingen nach Taiwan um dort Taijiquan zu lernen.
Da gab es welche mit Kampfkunsthintergrund aus dem Karate oder anderen Stilen, die wahrscheinlich mehr an den kämpferischen Aspekten des Taijiquan interessiert waren. Andererseits gab es Menschen, die z.B. Tänzer waren wie die bemerkenswerte Gerda Geddes und die mehr Gewicht auf die Bewegungen legten; die gesundheitlichen Vorteile des Taijiquan waren damals noch nicht so sehr bekannt.
1976 führte die Hongkonger Verwaltung ein Taijiquan-Unterrichtsprogramm in den Wohnblöcken und -siedlungen ein, das sehr beliebt wurde; es war zum Teil sicher auch so etwas wie Social Engineering. Die Menschen freundeten sich mit ihren Nachbarn an, mit Leuten aus dem selben Block; es war eine soziale Aktion, aber gesamt betrachtet förderte es auch die Gesundheit der Teilnehmer. Das war, soweit ich ich weiß, das größte Taijiquan-Gesundheitsprogramm, ich hätte gerne daran teilgenommen.
Das war die Anfangssituation des Taijiquan, die sehr verschieden war zur zweiten Welle, als die Leute wieder nach China einreisen konnten und mit Taijiquan zurückkamen. Es etablierten sich daraufhin zwei Sichtweisen – nämlich, daß die Lehrer, die auf Taiwan, in Malaysia, Singapur, Hongkong lebten, mehr den “real stuff” unterrichten würden, da sie nicht die politischen Verwicklungen mit der kommunistischen Regierung zu fürchten hatten; dagegen waren die Lehrer im Mutterland isoliert. Die andere Ansichtssache war, daß die Lehrer der berühmten Taiji-Familien in China mehr auf traditionelle Weise unterrichteten und ihr Wissen nicht mit Außenseitern austauschen wollten. Aber letztendlich gab es nur zwei Arten von Taijiquan, gutes und schlechtes, und das wars.
Eines der Dinge, die mich, als ich in die europäischen Taiji-Szene einstieg, befremdeten, war der Stellenwert des Push Hands. Als ich in Hongkong selber noch lernte und trainierte bzw. in meinem eigenen Unterricht ist Push Hands nur ein Teil des Curriculums, also nichts besonderes. Es ist nichts weiter als mit jemandem harmonisch auf kurze Distanz zu arbeiten, das ist alles, und nicht diese -zig Methoden von Push Hands: Wettkampf-Push Hands, “Kampf”-Push Hands, sogar so etwas wie ein Qigong-Push Hands wurde entwickelt.
Als ich zum ersten Mal beim Push Hands in Europa mitmachte galt ich als Verrückter, denn ich schob, stieß und warf, so, wie ich es in Hongkong gelernt hatte. Erst später realisierte ich, daß das die Leute schockierte, also hörte ich damit auf. Ich meine, daß sehr viele Menschen sehr unrealistische Vorstellungen vom Taijiquan haben. Bei den Chinesen gibt es ein Konzept namens Jibengong, das “Gong” ist das selbe wie in Qigong oder Gongfu, und das bedeutet einfach Basistraining. Du wiederholst bestimmte Übungen wieder und wieder und wieder, hunderte oder sogar tausende mal.
Friedhelm Tippner: So wie wir es gestern in Deinem Seminar machten?
Dan Docherty: Ja genau, aber die meisten Taijiler mögen diese Form des Trainings nicht. Ich glaube auch, das sie deshalb bestimmt Prinzipien nicht verstehen bzw. wie diese angewandt werden sollen; wie z.B. diese Geschichte von den 4 Gramm, mit denen man 1000 Kilo überwindet. Und wir sprechen hier nicht über den Angriff, wir sprechen über das Abwehren. Also, um das anbringen zu können, mußt du Schrittarbeit einsetzen, Dein Körper muß ausweichen und nachgeben, aber der Großteil der Taijiler trainiert diese Dinge nicht, sie bevorzugen das Formenlaufen. Die Techniken kommen jedoch nicht aus der Form, die Form entstand aus den Techniken und der Schrittarbeit – du mußt unbedingt die Schrittarbeit einbeziehen – deshalb halte ich die Ansichten dieser Personen für unrealistisch.
Es ist so, daß viele Taijiquan auch für eine Art von Qigong oder so etwas wie Meditation halten, was an sich nicht ganz falsch ist, aber sie wollen nicht diese Menge verschiedener Bewegungen lernen, es ist mental und physisch zu ermüdend und sie erwarten, daß Taijiquan etwas ist, das man leicht erlernen kann, daß es sanft und meditativ und ähnlich wie Qigong ist.
Wirklich, wenn man ihnen nur noch einzelne Bewegungen beibringt, ist das für sie in Ordnung, das ist eine Art von Bequemlichkeit – und heutzutage, das sind Entwicklungen, wie sie in Fernost geschehen – machen sie jetzt so etwas wie “Fastfood-Taijiquan”, also Kurzformen; es ist mittlerweile soweit gekommen, daß sie eine Chen-Stil Kurzform mit nur 8 Bewegungen unterrichten, 8 Bewegungen!
Friedhelm Tippner: 8 Bewegungen?
Dan Docherty: Ja, nur 8 Bewegungen, 8 Techniken, und das ist genau das was die meisten Leute wünschen, langsame Dinge, vielleicht wegen des Tempos der heutigen Zeit; die Menschen mußten noch vor ein paar Jahren physisch härter arbeiten, doch heute arbeiten sie überwiegend in sitzender Position, fahren ihre Autos, im Büro arbeiten sie mit dem Computer, spielen Videospiele und all das Zeug und bewegen sich kaum noch ausgiebig, weil keine Notwendigkeit dazu mehr besteht. Deshalb ist die körperliche Belastbarkeit gegenwärtig wesentlich geringer geworden als vor 10 Jahren.
Leute, die nur am Computer 8 Stunden am Tag im Internet arbeiten, kommen dann nach Hause und setzen sich wieder vor den Computer – ihre Körper sind nicht trainiert, das ist ihre Art und Weise wie sie leben, sie machen jede Art von Training – ich benutze den Begriff “Training” – sehr weich, sie können es sonst nicht durchhalten …
Friedhelm Tippner: Okay …
Dan Docherty: Heute haben wir eine Welt des heterodoxen und synkretistischen Taijiquan, die Leute üben eine Menge verschiedener Dinge. Ich sprach mit einem Freund von mir, Luigi Zanini aus Italien, ein Bagua-Stilist – wir waren als Kampfrichter auf einer europäischen Meisterschaft in Schweden letztes Jahr – über einen bestimmten Teilnehmer aus Russland, der in der Bagua-Sektion startete. Luigi sagte, ich stimme mit Dir überein, sein Bagua ist gut, aber er benutzt das Fajin aus dem Chen-Stil Taijiquan. Das passiert, wenn die Leute nicht wissen, wie sie wirklich damit umgehen sollen, sie können sehr gute Kampfsportler sein, aber sie machen keinen “reinen” Stil, sie mischen verschiedene Stile einfach zusammen. Es kommt sehr häufig vor, daß die Leute nicht wissen, was woher stammt.
Natürlich haben sich die verschiedenen Kampfkunststile in gewisser Weise gegenseitig beeinflußt, im Baguazhang, Xingyiquan und im Taijiquan gibt es beispielsweise Ähnlichkeiten in der Terminologie. Ich fragte einst Cornelia Grubers Lehrerin, Bow Sim Mark, nach dem Unterschied zwischen Taijiquan und Baguazhang. Sie sagte, es ist unsere Schrittarbeit, wir haben Bai Bu, Kou Bu und ich antwortete, daß es die im Taijiquan auch gibt, die gleichen Schritte, wir benutzen nur andere Bezeichnungen. Frag’ wen du willst – natürlich geht man im Bagua im Kreis, aber auch im Taijiquan geht man mitunter in Kreisbögen.
Unterm Strich ist das Problem, daß die Leute immer weniger und weniger tun, sie machen Kurz-Kurzformen, sie haben zu wenig Zeit; sie behaupten zwar, daß sie alle Taijiquan ernsthaft und gut ausüben, aber die Anzahl derer, die wirklich gutes Taijiquan machen, wird immer geringer.
Friedhelm Tippner: Dan, was sind Deine Ziele in der nächsten Zeit?
Dan Docherty: Was mich sehr interessiert ist, den Symbolgehalt der chinesischen Namensgebungen der Formbilder für uns Westler zu decodieren.
Friedhelm Tippner: Du führst also die Namen der Bewegungen auf den Ursprung zurück?
Dan Docherty: Es gibt im Taijiquan in den Bezeichnungen der Bilder der Form eine Menge Symbolismus, beispielsweise “step back to beat the tiger”, das aus einem Kapitel des Buches “Water Margin” stammt (2) und ich arbeite daran, diese Symbole zu entschlüsseln bzw. schreibe ein Buch darüber (3); sogar viele Chinesen sind sich sich dieser Dinge nicht bewußt und das ist es, was ich gerne weitermachen möchte.
Friedhelm Tippner: Meiner Ansicht nach eine sehr interessante Aufgabe. Dan, hab’ vielen Dank für dieses Interview!
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(1) Gerda Geddes war eine der englischen Taiji-Wegbereiterinnen, ein Interview mit ihr (in englischer Sprache) ist hier zu finden.
(2) “Water Margin” könnte man mit “Wassergrenze, -saum, -rand” oder vielleicht auch mit “Wasserscheide” übersetzen und ist eine der 4 großen Novellen der klassischen chinesischen Literatur, bei uns vielleicht besser bekannt als “Die Rebellen von Liang Shan Po” (genauer: “Die Räuber vom Moor am Berg Liang”), obgleich dies nur ein Teil des Gesamtwerkes ist.
(3) Dans Buch ist mittlerweile fast fertig und ich werde es nach Erscheinen in meinem Liuhe Bafa-Blog rezensieren; man kann es jetzt schon hier vorbestellen.
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Meister Thomas Choi begann seine Kampfkunstlaufbahn 1965 im Alter von 15 Jahren mit Nord-Shaolin Kung Fu. Im Jahr 1967 erlernte er Liuhe Bafa zunächst von Meister Li Chung und ab 1969 studierte er unter Großmeister Chan Yik Yan. Heute lebt und arbeitet Meister Thomas Choi als Geschäftsmann in Hong Kong und unterrichtet Menschen, die Liuhe Bafa zu schätzen wissen.
