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Ein kurzer Überblick über die Historie des Liuhe Bafa

Donnerstag, 27. Dezember 2007 0:00

Wir wissen leider nicht viel historisch Haltbares über die Entstehung des Liuhe Bafa. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man die Zeiten betrachtet, in denen dieser Stil entstanden sein soll – schriftliche Aufzeichnungen aus dieser Epoche gibt es zum Bedauern der Liuhe Bafa-Praktiker nicht; wir begeben uns also zunächst ins Reich der Überlieferungen und der wenigen gesicherten Fakten.

Chen_Tuan.jpgChen Tuan

Allen Liuhe Bafa-Schulen und -Richtungen ist gemein, daß sie als legendären Gründer Chen Tuan (auch bekannt als Chen Bo, Chen Xiyi, Fuyaozi) anerkennen. Chen Bo soll um 871 – 989 (die Übergangszeit zwischen der Ära der Fünf Dynastien und Zehn Königreiche – 907 bis 960 und dem Aufstieg der nördlichen Song-Dynastie – 960 bis 1279) gelebt haben; geboren wurde er als Sproß einer wohlhabenden und angesehenen Familie in der zentralchinesischen Provinz Sichuan (andere Quellen geben den Kreis Haozhou in der Provinz Shanxi an, wieder andere die Stadt Zhenyuan im Kreis Bozhou – Anmerkung: leider konnte ich bisher noch nicht feststellen, ob Haozhou bzw. Bozhou möglicherweise identisch sind, meine dsbzgl. Quellen geben keine chinesischen Schriftzeichen an) und soll sich schon als Knabe außergewöhnlich entwickelt haben – es heißt, das er im Schlaf in seinen Träumen von einer Unsterblichen, die er die “Grüne Dame” nannte, aufgesucht und u.a. in den Klassikern Yijing und Daodejing unterrichtet wurde sowie, daß sie ihn außerkörperlich zu besonderen Plätzen und Tempeln führte, damit er dort seine Studien fortsetzen konnte. Dies und seine parallel verlaufende “irdisch-gewöhnliche” Erziehung/Ausbildung machten ihn als jungen Mann zu einem ausgewiesenen Experten der Klassiker.

Den Wünschen seiner Familie folgend, sollte er eine Karriere als ziviler Staatsbeamter im Dienst des Herrschers anstreben – die notwendigen Voraus-
setzungen hätte er, siehe oben, allemal gehabt, aber aus welchen – nicht überlieferten Gründen – auch immer “sabotierte” er absichtlich die Prüfung und fiel prompt durch.

Kurze Zeit danach verstarben beide Elternteile und Chen Tuan machte sich nach angemessener Trauerzeit auf, China zu durchwandern bis er sich nach Jahren des Herumreisens, in denen er ständig sein Wissen erweiterte, zunächst in der 9-Kammern-Höhle auf dem berühmten Wudangshan in der Provinz Hubei niederließ und ein zurückgezogenes Leben führte; einige Zeit später (eine Quelle nennt eine Aufenthaltszeit von immerhin ca. 20 Jahren) verließ er jedoch den Wudangshan und erreichte schließlich den Yuntai-Tempel auf dem Huashan in der Provinz Shaanxi (nicht zu verwechseln mit der benachbarten Provinz Shanxi), einem der 5 (daoistischen) heiligen Berge Chinas (Taishan, Huashan, Nan Hengshan, Bei Hengshan und Songshan), wo er als Einsiedler u.a. Kontakt mit Lü Dongbin (einem der legendären 8 Unsterblichen – dargestellt als Gelehrter mit Fliegenwedel und magischem Schwert. Er ist der Schutzheilige der Barbiere, aber wahrscheinlich war er eine historische Person und gilt als eine bedeutende Gestalt im Daoismus) und anderen daoistischen Meistern und Gelehrten pflegte. Übrigens wird auch Chen Tuan von Daoisten als Meister und hervorragende Persönlichkeit angesehen; seine philosophischen Schriften beeinflußten viele der daoistischen Kernlehren.

So überrascht es denn auch nicht, daß Herrscher und Minister seine Weisheit suchten bzw. ihn an den Hof zurückhaben wollten; Chen Tuan jedoch wies all’ diese Ansinnen zurück, blieb Einsiedler und kultivierte das Dao. Es gibt in diesem Zusammenhang eine ganz reizende Geschichte: Taizu, der erste Regent der Song-Dynastie, auf dem Wege in die Nordregionen des Landes um diese mit Gewalt zu vereinigen, legte am Huashan einen Zwischenstop ein um Chen Tuan aufzusuchen und ihn als ständigen Ratgeber zu gewinnen. Chen Tuan schlug ihm eine Wette in Form einer Partie Schach vor – sollte Taizu gewinnen, würde er freiwillig mitgehen, würde jedoch er gewinnen, so sollte der Regent ihm seinen Frieden lassen und obendrein den ganzen Berg schenken. Man muß nicht lange überlegen um festzustellen, wie die Wette ausging – natürlich gewann Chen Tuan und der Herrscher hielt sein Wort.

Noch heute kann man den sogenannten “Schachpavillon” auf dem Zentralgipfel des Huashan bewundern – bezaubernde Bilder des Pavillons und der wirklich märchenhaften Landschaft des Huashan kann man sich hier ansehen.

Während seines zurückgezogenen Lebens auf dem Huashan perfektionierte Chen Tuan sein Wissen und Können um die Schlaf-/Traum-Meditation und es heißt, daß er mitunter bis zu 100 Tage in einem schlafähnlichem Zustand verweilte. In diesen Phasen erforschte, entdeckte und entwickelte er verschiedene Methoden der Qi-Kultivierung, so z.B. eine 24-teilige Übungsreihe (Ershixi Qi Daoyinshu), die der Übende gemäß dem Wechsel der Jahreszeiten praktizieren soll und natürlich Liuhe Bafa.

Darin destillierte er die durch persönliche Erfahrung gewonnen Einsichten der 6 Harmonien/Vereinigungen:

1. Der Körper vereinigt sich mit der Bewußtheit

2. Die Bewußtheit vereinigt sich mit der Absicht

3. Die Absicht vereinigt sich mit dem Qi

4. Das Qi vereinigt sich mit dem Geist

5. Der Geist vereinigt sich mit der Bewegung

6. Die Bewegung vereinigt sich mit der Leere

Noch viele Jahre des Entwickelns und des Unterrichtens vergingen, bis eines Tages – so will es die Legende – Chen Tuan seinem besten Schüler auftrug, eine weitere Höhle in den Berg zu graben. Nachdem diese fertiggestellt war, zog sich der alte Weise mit seinen Habseligkeiten und all’ seinen Aufzeichnungen darin zurück und verschied. Die Legende weiß weiter zu berichten, daß noch über 7 Monate nach seinem Tod sein Körper warm war und – unverwest – von lebendig wirkenden Äußerem; auch soll eine vielfarbige Wolke am Eingang erschienen sein und des Nachts erstrahlte ein Lichtschein aus dem Inneren der Höhle.

Das große Vermächtnis, daß uns – der Sage nach – Chen Tuan hinterließ, waren neben seinen daoistisch-philosophischen Lehren und seinen Qigong-Methoden die Kunst des Liuhe Bafa – eine exquisite Kampfkunst und ein wahres Kronjuwel der Neijia.

Unbestritten ist, daß – wie schon weiter oben erwähnt – Chen Tuans Gedankengut die Entwicklung des Daoismus mit geprägt hat, ebenfalls unbestritten ist, daß die ihm zugeschriebenen Qigong-Methoden und das Liuhe Bafa noch heutzutage geübt werden, aber inwieweit er tatsächlich diese Übungen sowie diese Kampfkunst entwickelt hat, muß ich – wenngleich mit Bedauern – offen lassen; zuviel mag daran Mythos und Legende sein.

Aber sehen wir, was weiter geschah, als ungefähr 300 Jahren später die nächste große Gestalt des Liuhe Bafa, Li Dongfeng, die Bühne des Zeitgeschehens betritt.

Li Dongfeng

Es gibt meines Wissens leider keine Hinweise darauf, ob bis zu Li Dongfeng das Liuhe Bafa weiter tradiert wurde oder nicht bzw. überhaupt schon existierte, falls ja geriet es wahrscheinlich in Vergessenheit.

Aber gegen Anfang der Yuan-Dynastie (1279 – 1368), so berichten die Legenden, machte sich Li Dongfeng, Gelehrter und Kampfkünstler, von seiner Heimstatt auf dem Yunshan zu eine Pilgerreise zum Huashan auf und entdeckte dort die Grabstätte des Chen Tuan. Es heißt, daß ihm die in der Umgebung lebenden Daoisten einige der alten Höhlen zeigten, in denen Chen Tuan gelebt und gelehrt haben soll, jedoch blieb seine Suche nach dem eigentlichen Grab zunächst erfolglos. (Ob Li gezielt nach dem Grab und nach Chens Hinterlassenschaften suchte oder es eher zufällig fand, muß offen bleiben – jedenfalls waren die Umstände, wie er schließlich doch darauf stieß, schon sehr außergewöhnlich.)

Denn, als Li erfolglos und entmutigt schon aufgeben und am nächsten Tag die Heimreise antreten wollte, sah er in dieser Nacht einen Lichtschimmer aus der Flanke eines der Berggipfel dringen. Ängstlich machte er sich auf, nach der Ursache dieses Leuchtens zu suchen und war über die Maßen überrascht und glücklich, als er feststellte, daß ihn dieses Licht schlußendlich doch zum Ziel seiner Pilgerreise geführt hatte – Chen Tuans Grabhöhle.

Darin fand er dessen Skelett (einige Quellen lassen diesen Punkt aus bzw. übergehen ihn), Chens persönliches Hab und Gut sowie seine Manuskripte – u.a. ausführliche Anweisungen zum Liuhe Bafa.

Li Dongfeng war, wie schon weiter oben erwähnt, Gelehrter und Kampfkünstler. Mit Hilfe der daoistischen Einsiedler und seiner Kenntnisse konnte er die anspruchsvollen Anweisungen entschlüsseln – nach Jahren des Ausprobierens und Übens hatte er die Kunst des Liuhe Bafa wiederbelebt, kehrte zum Yunshan zurück und unterrichtete eine kleine Gruppe der dort praktizierenden Daoisten. Außerdem systematisierte er alles, was er auf dem Huashan über Liuhe Bafa gelernt hatte und schrieb es in 134 Versen (= Zeilen) zu je 5 Schriftzeichen nieder – bekannt als “Wu Zi Yue” oder 5 Wörter (= Schriftzeichen) Geheimnisse, die bisher einzige bekannte aus dieser Zeit stammende Abhandlung der originalen Liuhe Bafa-Prinzipien und die Quintessenz dieser Kampfkunst.

Die erste Zeile z.B. lautet:

Xin Yi Ben Wu Fa
Bewußtheit (und) Absicht (ist die) Grundlage (des) Ohne Methode (seins)

Ich kann nicht für die Richtigkeit der Namen der folgenden Übertragungslinie garantieren, aber es scheint akzeptabel anzunehmen, daß mit Li Dongfeng tatsächlich eine kontinuierliche Weitergabe des Liuhe Bafa an die nächstfolgende Generation begann.

Li Dongfengs Meisterschüler und Nachfolger war Song Yuantong (Sung Yuen Tung), dessen 4 Nachfolger waren Liu Kun (Lao Kwan), Lee Li (Lee Li), Zhang Xie Lee (Cheung Hok Lai) und Zhang Ji Shan (Cheung Kai Sen).

Über Song bzw. seine Schüler sowie über die nächsten Generationen, die ich hier der Einfachheit halber überspringe, kann ich leider keine Aussagen machen. Aber mit Wu Yi Hui, dem Ersten, der Liuhe Bafa der Öffentlichkeit zugänglich unterrichtete, befinden wir uns endlich schon dicht an unserem Jahrhundert.

wu_yi_hui_portrait_11.jpgWu Yi Hui (Wu Yik Fan / Ng Yik Fai)

Meinen Recherchen nach haben wir es höchstwahrscheinlich allein Wu Yi Hui (1887-1961) zu verdanken, daß das Liuhe Bafa überhaupt erst seinen Einzug in den Kreis der allgemein zugänglichen Kampfkünste halten konnte – vorher war es vermutlich nur in kleinen, kaum bekannten bzw. zugänglichen daoistischen Gemeinschaften zu finden.

Wu Yi Hui wurde in Tieling im nordöstlichen China geboren. Er stammte aus einer angesehenen Beamtenfamilie, die möglicherweise sogar mit der herrschenden Qing-Dynastie (1644 – 1911) verwandt war und genoß daher eine ausgezeichnete Erziehung.

Es heißt über ihn, er sei ein gebildeter Mensch, kultiviert und von gutem Charakter, gewesen, auch ein begabter Maler und Kalligraph, humorvoll, weltoffen und reiselustig. Und er war ein sehr talentierter Kampfkünstler …

Im Jahr 1896 wurde Wus Vater nach Kaifeng (Kaifeng war in der chinesischen Geschichte eine der alten Hauptstädte) in der Provinz Henan versetzt, um dort als Verwaltungsbeamter tätig zu sein und die ganze Familie zog um.

(Anmerkung des Autoren: Viele Quellen benennen dagegen Pien-Liang, Pienliiang oder Pianliang als Zuzugsort; leider konnte ich nicht herausfinden, ob damit tatsächlich Kaifeng, nur in einem anderen Dialekt ausgesprochen, gemeint ist, um einen Verwaltungsbezirk oder Ortsteil von Kaifeng oder aber – und hier wird es wieder unsicher – es sich schlicht um einen Irrtum handelt, wie widerum eine ganz andere Quelle behauptet. Da heißt es nämlich, daß Wu Yi Hui erklärt habe, er sei von seinen drei Lehrern [darüber später mehr] in Pianliang unterrichtet worden. Aber es wird von dieser Quelle behauptet, es handele sich dabei in Wirklichkeit um die Stadt Pianling, die nur knapp 100 Kilometer von Wus Geburtsort Tieling entfernt liegt. Das könnte im Zusammenhang mit den drei Liuhe Bafa-Lehrern des Wu Yi Hui von Wichtigkeit sein.)

Fortsetzung folgt

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