Die Entschlüsselung der Sprache des Liuhe Bafa
Sonntag, 20. März 2011 23:46
Kim Goldberg ist eine mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnete Dichterin, Journalistin und Autorin von 6 Büchern. Ihre Sammlung von 66 Gedichten über Liuhe Bafa “Ride Backwards on Dragon” war Finalist für den kanadischen “Lampert Memorial Award der Dichtkunst” und wurde von mir schon hier besprochen. In diesem Buch entschlüsselt Kim im Anhang die daoistische metaphysische Symbolik für jeden der 66 Namen der Liuhe Bafa-Bilder. Sie lebt in Nanaimo, Britisch-Kolumbien (Kanada) und studiert Liuhe Bafa und andere daoistische innere Künste seit 1997.
Ich stehe mit Kim in losem E-Mail-Kontakt und angelegentlich ihres neuen Liuhe Bafa-Blogs und ihres dort geposteten, sehr persönlichen Artikels “Decoding the Language of Liuhebafa” bat ich sie um die Erlaubnis, diesen für Euch zu übersetzen und hier veröffentlichen zu dürfen – das Ergebnis findet Ihr unten. Anmerkungen von mir sind in [...] gesetzt, das Original sowie viele andere interessante Beiträge könnt Ihr in ihrem Blog nachlesen.
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Die Entschlüsselung der Sprache des Liuhe Bafa
von Kim Goldberg
(zuerst veröffentlicht im Journal of Martial Arts & Healing, Herbst 2007)
[Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Autorin, die mir auch die beiden Bilder zur Verfügung stellte]
Von allen chinesischen inneren [Kampf-]Künsten ist Liuhe Bafa nicht nur die letzte, die das westliche Publikum erreichte, sondern sehr wahrscheinlich auch die älteste. Sie ist darüber hinaus auch diejenige, die mit daoistischer metaphysischer Symbolik am stärksten verschlüsselt ist, um dadurch die begehrten alten Anweisungen für innere Alchemie und Unsterblichkeit zu schützen.
Vielleicht war es dieses Versprechen der Unzerstörbarkeit, welches mich anspornte, Liuhe Bafa noch vor anderen inneren Stilen zu verfolgen, als ich 1997 mit dem Studium der Form begann. Oder vielleicht konnte ich als Schriftstellerin der Herausforderung, die geheime Sprache der Symbole, die sich vor mir auftat, zu entschlüsseln, nicht widerstehen. Was auch immer der Grund meiner Faszination war, meine Begegnung mit dem Liuhe Bafa veränderte meinen Weg für immer.
Liuhe Bafa (wörtlich “sechs Kombinationen, acht Methoden”) ist eine innere Kampfkunst und daoistische Praktik, welche in das China des 10. Jahrhunderts datiert wird. Der Schöpfer dieses Stils war der daoistische Philosoph und Mathematiker Chen Hsi I (auch als Chen Po und Chen Tuan bekannt), der angeblich 871 bis 989 n.Chr. lebte. In seiner abgelegenen Einsiedelei auf dem Berg Hwa in Nord-Zentral-China entwickelte er die Grundsätze und Praxis des Liuhe Bafa, allerdings sind die daoistische Konzepte und symbolische Sprache der inneren Alchemie viel älter.
Heutzutage führt eine Google-Suche zu einer kleinen, aber wachsenden Zahl von Liuhe Bafa-Workshops und -Lehrern in Nordamerika, Europa und anderswo (aber es sind immer noch bedeutend weniger als bei den bekannteren inneren Künsten Taijiquan, Baguazhang und Xingyiquan). Denn diese Arkandisziplin wurde für ein Jahrtausend geheim gehalten und nur an wenige weltabgeschiedene Eingeweihte weitergegeben, verschleiert mit einer bildgewaltigen Sprache der Metaphern von Wildgänsen und Tigern, Sonne und Wolken, Fabelwesen und bescheidenen Landarbeitern – eine Sprache, die, einmal entschlüsselt, zu einem Plan wird, wie man sein Leben führen und seine inneren Energien transformieren kann.
Die Hauptform des Liuhe Bafa besteht aus 66 Bildern und sieht für den Nichteingeweihten aus wie eine komplizierte, verdrehte Taijiquan-Form. (Danach fragen mich normalerweise die Passanten tatsächlich, wenn ich meine täglichen Übungen im Park am Meer in der Nähe meines Hauses mache.)
Anscheinend bieten uns die die alten Namen der 66 Bilder die Formel für die innere Alchemie. In der daoistischen Praxis führt innere Alchemie zu energetischen Veränderungen im Körper, erreicht durch körperliche und geistige Kultivierung durch das Üben der inneren Künste wie Liuhe Bafa, Taijiquan, Qigong sowie andere. Nach der daoistische Theorie führen diese Transformationen letztlich zur Reinigung und Wiedervereinigung unserer inneren Energien (im Grunde eine Konsolidierung der Yin/Yang-Anteile des Selbst). Theoretisch versetzt uns diese Transformation zurück in unseren ursprünglichen Zustand und bereitet uns vor für die Wiedervereinigung mit dem Makrokosmos – ein Zustand, der als Unsterblichkeit gedacht werden kann.
In meiner eigenen Praxis bin ich daran interessiert, diese Grundsätze der energetischen Umwandlung auf mein tägliches Leben und meine persönliche Entwicklung anzuwenden. Für mich wurde das Studium des Liuhe Bafa-”Codes” zu einem machtvollen Werkzeug der Steigerung meines Selbstbewußtseins, der Kanalisierung meiner kreativen Energien und bringt für mein Leben und Handeln einen stärkeren Zusammenhang.
Zum Beispiel verweist das Eröffnungsbild – “Den Wagen anhalten und nach dem Weg fragen” – auf die in mikrokosmischem Orbit (oft als Wasserrad oder Wasserkarren dargestellt) zirkulierenden Wasser [Essenzen] des Lebens (“Jing”) in uns. Das Bild ist eine Ermahnung, diese innere Umlaufbahn in die verjüngende Richtung (unsere erschaffende Energie soll über den Rücken unseres Körpers aufwärts und über die Vorderseite nach unten gesandt werden) ausgerichtet zu halten anstatt sie versickern zu lassen. Im Wesentlichen fordert dieses erste Bild uns auf, die Wahl zu treffen zwischen zwei Wegen – Leben und Gesundheit oder Tod und Verfall. Wenn wir bereit sind, den ersten Weg zu wählen, fahren wir fort mit der Form.
Aber die eigentliche Botschaft dieses Bildes ist die der persönlichen Verantwortung – ein Thema von zentraler Bedeutung für die Philosophie des Liuhe Bafa (und tatsächlich auch für den Daoismus selbst). Dieser erste Schritt sagt uns: Wir sind verantwortlich für unser Leben – wir haben die Macht zu wählen. Und das nicht nur jedesmal zum Beginn ein jeder Übungseinheit, sondern den ganzen Tag hindurch wenn wir versuchen, als mündige Wesen das Leben im Zusammenhang zu leben. Ich benutze dieses Bild als eine Ermahnung, daß ich ständig wachsam sein, mich immer wieder selbst fragen muß: Auf welchem Weg bin ich in diesem Augenblick mit dieser Aktion, diesem Wort, diesem Gedanken? Auf dem Weg des Lebens und der Gesundheit? Oder dem des Todes und des Verfalls?
Im Bild 6 – “Ersetze Stern durch den Polarstern” ["Pflücke die Sterne und ordne sie neu" - Kim benutzt gelegentlich andere Interpretationen der Bildnamen] – geht es um die Kultivierung der Stille. Der Polarstern hält eine herausragende Position in der daoistischen Kosmologie sowie der inneren Alchemie. Im Makrokosmos (Natur) stellt er die zugrunde liegenden Wirklichkeit (das Dao) dar, weil er stationär am Himmel steht, während alle anderen Sterne um ihn herum kreisen, was die zeitliche und schwankende Natur der materiellen Existenz repräsentiert. Im Mikrokosmos (inneres Universum) stellt der Polarstern unser ursprüngliches Selbst dar. Wenn wir also Stern durch Polarstern ersetzen, ersetzen wir die schwindelerregende und chaotische Wanderschaft unseres Geistes durch ein Leben mit einem festen zentralen Drehpunkt, um die Einheit unseres Seins wieder herzustellen.
Für mich enhält dieses Bild eine Lektion über den Blick nach innen, nicht außen, nach Antworten – zu erkennen, daß ich bereits besitze, was ich brauche. Dieses Bild läßt mich immer an das Zen-Sprichwort: “Triffst du den Buddha unterwegs, schlage ihn tot” denken, was nicht im wörtlichen Sinne als Mord zu verstehen ist, sondern als Abkehr von äußerlichen Werten und Autoritätssystemen, um eine tiefere und authentischere Wahrheit zu entdecken.
Bild 13 – “Lärme im Osten, schlage im Westen” [Im Osten Lärm machen, im Westen angreifen"] – ist ein gutes Beispiel der vielen Ebenen, auf denen die kodierte Sprache des Liuhe Bafa wirkt. Auf der Ebene des Kampfes handelt dieses Bild von Irreführung und Täuschung deines Gegners – täusche eine Richtung vor, dann schwinge herum um ihn auf der anderen Seite zu schlagen. In Bezug auf die innere Energetik verweist es auf die Bewegung der Lebensenergie im Körper von Osten nach Westen, um durch Verschmelzung der beiden Hälften (Yin und Yang) Einheit in unser Leben zu bringen. Diese inneren Winde der Energie sind aufgewühlt und in Bewegung gesetzt durch eine physische Zickzack-Bewegung der Wirbelsäule, wenn die ausgestreckten Arme von links nach rechts schwingen.
Diese Übereinstimmung zwischen äußerer körperlicher Bewegung und ihre Auswirkung auf die innere Landschaft mit den metaphysischen Folgen setzt sich überall durch das Liuhe Bafa fort. Auf einer Ebene erlernen wir eine Kampfkunst (tatsächlich enthält jedes der 66 Bilder mehrere verheerende Kampfanwendungen). Auf einer weniger sichtbaren Ebene sind wir durch den Gebrauch einer vorgeschriebenen Folge von äußeren Bewegungen in der Lage, das Innere des Körpers für eine bessere Gesundheit, Blutfluß, Organmassage und Muskel-/Skelett-Ausrichtung physisch zu beeinflussen. Auf einer dritten Ebene zeigen uns die Anweisungen, verborgen in den alten Namen, wie man sein Leben selbstbestimmt führen kann. Und auf der innersten, geheimsten Ebene wird das gesamte Paket an körperlicher Bewegung plus symbolischer Bedeutung zu einer Rezeptur für innere Alchemie und persönlicher Transformation.
Wie Sie sehen können, ist dies weit mehr als Fantasterei! Meine eigenen Fortschritte bei der Vereinheitlichung, Kanalisierung und Transmutation der Energien in meinem Leben wären nichts, gar nichts gewesen, wenn mein Studium des Liuhe Bafa Symbol-Codes nicht durch die tägliche Praxis der Form begleitet worden wäre. Ich behaupte nicht, es zu verstehen, aber das Zusammenspiel von Kopf-Lernen und Körper-Lernen scheint unabdingbar zu sein, um einen echten Durchbruch von Einsicht und Fähigkeit in einer dieser inneren Künste zu machen. Weder das Üben der Form allein reicht dazu aus, noch ein rein theoretisch-intellektueller Ansatz.
Wie hat Liuhe Bafa mein Leben verändert? Die esoterischen und energetischen Veränderungen sind schwer zu beschreiben, außer daß ich sagen kann, daß ich jetzt das Gefühl habe, mich in der Mitte eines mächtigen Flusses zu bewegen anstatt gegen die felsige Küste zu schmettern oder festzusitzen in stehenden, toten Gewässern. Die Veränderungen meiner Karriere jedoch sind einfacher zu schildern.
Als ich 1997 anfing, Liuhe Bafa zu erlernen, war ich schon zwanzig Jahre lang als politische Journalistin und Sachbuch-Autorin tätig. Kurz nachdem ich mein Studium der Form begann, versiegten die Worte. Zumindest die alten Worte. Ich war nicht mehr in der Lage, ein investigatives Exposé über einen unehrlichen Politiker oder eine umweltschädigende Firma zu schreiben, selbst wenn mein Leben davon abhinge. Jahre vergingen und immer noch brachte ich kein Wort zu Papier. Verwirrung verwandelt sich erst in Angst und danach in Verzweiflung, als ich zunächst meine Ersparnisse aufbrauchte, mir dann meine Altersvorsorge auszahlen ließ und schließlich begann, auf Kredit zu leben. Etwas in mir verschob sich, etwas wurde in Bewegung gesetzt während dieser holprigen Reise durch das Liuhe Bafa. Etwas außerhalb meiner Kontrolle.
Dann kam der Tag, als ich einfach los ließ … nämlich von der Angst. Ich hörte auf über Geld und meine Zukunft nachzudenken. Das war der Moment, als meine Reise ins Ungewisse zum Abenteuer wurde – und wahrlich ein aufregendes! Ich wurde süchtig nach Entdeckungen. Ich konnte es jede Nacht kaum erwarten einzuschlafen, begierig nach den Enthüllungen des neuen Tages.
Als die Worte endlich zurückkehrten, kamen sie als Gedichte. Und Poesie ist weiterhin die bevorzugte Form, in der ich heutzutage schreibe und veröffentliche. Seit meinem “Wieder-Erwachen” habe ich erfolgreich Zuschüsse von Kunst-Gremien gewonnen, um mich in meiner neuen kreativen Beschäftigung aufrecht zu erhalten. Ich nehme dies als weiteren Beweis, daß ich jetzt, wie Bild 17 uns anleitet, “das Boot mit der Strömung schiebe”.
Hat die fremdartige innere Landschaft des Liuhe Bafa mein Bewußtsein nach ihrer eigenen geheimnisvollen Topographie neu geordnet? Führt die Umwandlung des Körpers automatisch zu einer Transformation des Geistes? Könnte es sein, daß Liuhe Bafa, so voller Metaphern, die physische Entsprechung der Poesie ist? Oder haben meine ständig hinzukommenden Entdeckungen mich herausgestoßen aus dem Newtonschen Paradigma der Sicherheit hinein in ein Quanten-Paradigma der fließenden Realität? Und ist das der Unterschied zwischen Sachbüchern und Lyrik – eine Sprache der Antworten im Vergleich zu einer Sprache der Fragen?
Ich lasse Sie entscheiden. Aber seien Sie nicht überrascht, wenn ich für die Antwort nicht verfügbar bin. Denn ich bin fließendes Wasser, halte niemals an.
Copyright des Originalartikels: © Kim Goldberg, 2007-2011
Alle Rechte vorbehalten. Die beiden geposteten Bilder sind Eigentum der Autorin.
Für die Erlaubnis zu weiteren Veröffentlichungen kontaktieren Sie bitte die Autorin Kim Goldberg unter <goldberg[at]ncf.ca>.
Thema: Allgemein | Kommentare deaktiviert









