Tongbeiquan – ein kaum bekannter Stil in Deutschland
Sonntag, 17. Oktober 2010 20:55
Am gestrigen Samstag (16.10.2010) besuchten Barbara und ich ein Seminar, das Jochen Wolfgramm, Lehrer und Leiter der Bailung Schule Osnabrück, für Meister Zhang Xinbin aus Beijing ausgerichtet hatte; Zhang Laoshi ist schon seit längerer Zeit Freund, Lehrer und Mentor der “Schule des weißen Drachen”.
Es war schon lange mein Wunsch, Tongbeiquan einmal “live” zu erleben – nicht zuletzt deshalb, weil in einem interessanten Gespräch, das Jochen und ich nach dem SANDA.2010-Turnier in Christian Kubiaks Schule führten, sich die vage Möglichkeit abzeichnete, daß Tongbei und Liuhe Bafa in Chen Tuan einen gemeinsamen “Stammvater” haben – die Stile wären also sozusagen verwandt; ein für mich schöner Gedanke. Tatsächlich ergaben sich im Laufe des Seminars, vorsichtig formuliert, auch gewisse Ähnlichkeiten in den Prinzipien wie z.B. Fall- und Kollisionsnutzung, die Dantian-Rotation, das Vermeiden harter Blöcke usw. Jedoch konnte Zhang Laoshi unsere dsbzgl. Fragen bedauerlicherweise nicht endgültig beantworten, so daß dieses Thema zunächst noch offen bleiben muß. Aber ich greife vor, zurück zum chronologischen Ablauf.
Wetter- und staubedingt kamen wir leider ca. 20 Minuten zu spät, das Seminar war natürlich schon im Gange. Zum Glück hatten wir aber noch nicht allzuviel verpaßt und Meister Zhang Xinbin unterrichtete den gesamten Lehrstoff ohnehin in kleinen, didaktisch sehr gut aufgebauten Abschnitten, so daß wir relativ rasch “drin” waren; es war eine wahre Wohltat, sich nach gefühlten 100 Jahren Autobahnfahrt endlich mal wieder bewegen zu können.
Tongbei ist ein sehr eleganter, aber auch ein sehr effektiver, kampfbetonter Stil – keine Bewegung/Technik ist Selbstzweck, alles ist anwendungsorientiert und, im Ernstfall ausgeführt, von vernichtender Wirkung. Tongbei bedeutet “durch den Rücken” – die benötigte Kraft wird im Dantian generiert und über/durch den Rücken bis in die Hände geleitet. Der Gegner wird mit einem Stakkato peitschenartiger Schläge aus allen möglichen Richtungen eingedeckt, die Distanz durch schnelle Schritte überwunden, Leglocks und/oder Takedowns beenden die Auseinandersetzung. Um auf diese Geschwindigkeit zu kommen, sind selbstredend lockere, gelöste Schultern unbedingte Voraussetzung. Hier könnt Ihr Euch ein Bild davon machen, in der seitlichen Leiste sind noch weitere, sehenswerte Tongbei-Clips von Zhang Laoshi zu finden.
Aber zurück zum Seminarablauf: Wie schon erwähnt verpaßten wir einen Teil der speziellen Aufwärmübungen, die – siehe oben – keine Gymnastik per se darstellten, sondern schon ausgewachsene Anwendungen waren. Danach ging es mit diversen Einzel- und Partnertechniken sowie Anwendungen weiter, Langeweile kam zu keiner Sekunde auf, zumal Zhang Laoshi nicht mit Vorführungen und Demonstrationen sparte. Es war einfach faszinierend, mit welcher Geschwindigkeit, Präzision und Power dieser – während des Unterrichts ruhige, geduldig korrigierende und freundliche Mann – auf einmal förmlich “explodierte” und seine Partner regelrecht “aufmischte”, natürlich ohne sie dabei jemals ernsthaft zu gefährden. Gegen Ende wurden wir in einer Basisform unterwiesen, die “Ba Shi Lian Huan” (8 verbundene Bewegungen-Form) und ganz zum Schluß bekamen wir noch Gelegenheit, Meister Zhang mit Fragen zum Tongbeiquan zu löchern, wovon ich auch, siehe oben, regen Gebrauch machte. Meinen besonderen Dank an Puja aus Köln, der souverän zwischen der chinesischen, englischen und deutschen Sprache wechselnd, als unermüdlicher Übersetzer aushalf.
Als das Seminar nach dem obligatorischen Gruppenfoto offiziell beendet war, begann der gemütliche (und leckere) Teil – ein Bailung-Schüler kochte ganz frisch für die noch bleibenden TeilnehmerInnen ein köstliches malaysisches Gericht und wir saßen zusammen, aßen, tranken und schwatzten. Barbara und ich wären gerne noch länger geblieben, aber da wir noch gute zwei Stunden Autobahn vor uns hatten, mußten wir, wenn auch bedauernd, Abschied nehmen. Wir fühlten uns bei den “Bailungern”, denen wir ja nicht gänzlich unbekannt waren (siehe hier und hier) sehr gut aufgehoben; es war schön, dort bekannte Gesichter wiederzusehen und in der angenehmen Atmosphäre von Jochens Schule neue Bekanntschaften zu machen – nochmals herzlichen Dank für alles und auf Wiedersehen!
Und Meister Zhang Xinbin und das Tongbeiquan persönlich zu erleben war schon großartig – ich kann nur allen ernsthaften Gongfu-Enthusiasten empfehlen, die sicherlich kommende nächste Gelegenheit zu nutzen.
Friedhelm
P.S.: Einen weiteren Bericht mit Bildern findet Ihr hier.
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