Gespräch mit dem amerikanischen Liuhe Bafa- und Taijiquan-Meister Nathan Menaged

Anmerkung: Mit großem Bedauern muß ich eingestehen, daß ich viel zu spät entdeckte, daß das Aufnahmegerät über einen Defekt verfügt – dadurch wurde die bisherige Niederschrift bzw. die Übersetzung zu einer extrem langwierigen, fast “Wort-für-Wort”-Aktion, die immer noch nicht abgeschlossen ist, weil die mir dafür zur Verfügung stehenden Freiräume leider streng limitiert sind und ich noch zahlreiche andere Verpflichtungen habe.

Darüber hinaus wurden Abschnitte des Interviews in einem Straßencafé geführt; leider erwies sich beim Abhören der Aufzeichnung, daß der laute Straßen- und Verkehrslärm einige Passagen nahezu unverständlich machte. Ich habe diese Teile nach bestem Wissen und Gewissen aus dem Gedächtnis “rekonstruiert”. Des Weiteren habe ich das gesamte Gespräch gestrafft und in eine, wie ich hoffe, gut lesbare Form gebracht.

Ich habe mich nunmehr entschlossen, wenigstens den bisher fertiggestellten Teil des Interviews schon vorab zu veröffentlichen; der Rest wird sukzessive nachgeliefert.

Portrait_Nathan_Menaged.gifAngelegentlich eines mehrtägigen Liuhe Bafa-Seminars, das Sifu Menaged im Tai Chi und Chi Gong Institut in Düsseldorf gab, bekam ich durch die freundliche Einladung des Institutleiters Detlef Klossow (nochmals besten Dank!) Gelegenheit, Nathan am 16. Juli d.J. zu interviewen sowie als Gast in der angenehmen Atmosphäre dieser Schule auch am Unterricht teilzunehmen, in dessen Verlauf Nathan in seiner lockeren und humorvollen, aber nie unpräzisen Art daran ging, allen TeilnehmerInnen die Prinzipien seiner LHBF-Linie anhand verschiedener Anwendungsbeispiele zu verdeutlichen; sein Schüler Paul assistierte ihm und “flog” dabei auch gelegentlich.

Sifu Nathan Menaged begann sein Studium der Kampfkünste 1976 mit dem Okinawa Goju Ryu-Karate unter Sensei (Meister) Robert Taiani und brachte es darin bis zum 3. Dan.

Im weiteren Verlauf seines Weges wandte sich Nathan Menaged dann den “inneren” Stilen (Neijia) zu und wurde Meisterschüler sowohl von William C.C. Chen, Privatschüler des bekannten Taijiquan-Großmeisters Cheng Man-Ching (1900-1975) als auch von Dr. Tao Ping-Siang (verstorben 2006), der Taijiquan ebenfalls von Professor Cheng Man-Ching erlernte und Liuhe Bafa direkt von Großmeister Wu Yi Hui.

Nathan, der über mehr als 20 Jahre Unterrichtserfahrung verfügt, unterrichtet in seinen Liuhe Bafa-/Taijiquan-Seminaren und -Workshops, die er regelmäßig in Frankreich, England und Spanien bzw. in Deutschland gibt, die Quintessenz dessen, was er bei seinen drei Lehrern studiert hat – William C.C. Chens Taiji-Körpermechanik, Dr. Taos einzigartige Kunst des Nachgebens und Robert Taianis Wertlegung auf Behändigkeit sowie des Einschätzens einer Situation.

Eine kleine Demonstration seiner Liuhe Bafa-Form kann man hier anschauen.

FT: Können Sie mir bitte einen kurzen Überblick über Ihren Werdegang in den Kampfkünsten geben?

NM: Ich begann 1976 mit dem Okinawa Goju Ryu-Karate. Das war meine erste Kampfkunst, die ich bis zum 3. Dan ausübte, aber dann wegen einer Verletzung aufgeben mußte. Mein Lehrer war Robert Taiani, ein sehr traditionsbewußter Mann, der die Kampfkunst seit über 40 Jahren erforscht und hinterfragt. Ich stehe noch heute mit ihm in Kontakt.

Nachdem die Verletzung ausgeheilt war, begann ich bei Meister William C.C.Chen mit dem Taijiquan, das war so um 1988, und im selben Jahr begegnete ich auch Meister Tao in Meister Chens Schule. Meister Chen und Meister Tao kannten sich von früher her gut, sie lebten damals zur selben Zeit in Professor Cheng Man Chings Haus.

Meister Tao kam für einige Seminare zu Meister Chen in dem Jahr, als ich dort anfing. Ich begleitete Meister Tao bei vielen Workshops in die verschiedensten Städte, aber es verging einige Zeit, bevor er LHBF unterrichtete. Seit 1988 folgte ich also Meister Tao, bis dieser 2006 verstarb, sowie bis heute Meister William C.C.Chen.

FT: Wie sind Sie schließlich zum LHBF gekommen?

Transit_lone_goose.gifNM: Nun, ich sah Meister Tao bei einer Vorführung, das war so um ’88 oder ’89, und als ich es sah, verliebte ich mich darin (O-Ton: I fell in love with it – lacht) und ich bat ihn um Unterricht. Er sagte, noch nicht jetzt, aber von diesem Moment hatte ich den Wunsch, es zu erlernen. Es war etwas, was mein Innerstes berührte und ich dachte, daß es durch diesen Stil möglich ist, diesem Inneren Gestalt zu geben.

FT: Sie sind sowohl Lehrer des Taijiquan als auch des LHBF. Wo sehen Sie Ähnlichkeiten bzw. die Unterschiede?

NM: Meister Tao sagte, daß LHBF Elemente von Taiji, Xingyi und Bagua enthält – es stammt zwar nicht von diesen 3 Stilen ab, jedoch sind Prinzipien davon im LHBF zu finden.

Ich kennen nicht alle LHBF-Linien, aber mir wurde gesagt, daß viele Lehrer das so machen, sie bringen unterschiedliche Dinge ein; z.B. gibt es Meister, deren LHBF an Chen-Stil Taijiquan erinnert, es ist wunderschön, es ist deren Art, sich auszudrücken. Der Kern meines LHBF, eigentlich Meister Taos LHBF, ist Taijiquan, so wie er es lehrte – natürlich auch mit Anteilen von Xingyi und Bagua. Diese Stile erlernte er vor dem Taijiquan, aber der Hauptaspekt ist das Nachgeben und Ausweichen (yielding).

Also, das Herzstück unserer Wasserform ist Taijiquan, so, wie wir es ausüben. Unser LHBF ist damit nicht besser als das anderer Linien, sondern einfach nur anders.

FT: Es ist wirklich interessant, wie viele verschiedene Interpretationen es davon gibt. Ich sammele z.B. LHBF-Videoclips, die ich im Web recherchiere und es gibt so viele Unterschiede. Manche Linien erinnern mehr an Taijiquan, andere dagegen mehr an Xingyi oder Bagua.

Meine nächste Frage bezieht sich auf LHBF-spezifisches Neigong/Qigong und gibt es in Ihrer Linie außer der Hauptform auch zusätzliche Übungen?

NM: Wie Sie wissen, lernte Meister Tao das Liuhe Bafa um 1938 an der Nanjing Universität direkt von Großmeister Wu Yi Hui – ich weiß natürlich nicht, was Dr. Tao da alles erlernte, da Wu Yi Hui individuell unterrichtete und damals auch viele andere berühmte Meister des Xingyiquan und des Baguazhang dort waren.

Es war für mich ein echter Glücksfall, solch einen Lehrer zu haben. Meister Tao lebte lange Zeit in meinem Haus und unterrichtet auch meine Sohn in verschiedenen Dingen. Als ich ihn nach zusätzlichen Übungen befragte, sagte er nur, trainiere einfach das, was ich dir zeige – alles was ich kann, ist darin enthalten. Wenn es also besondere Übungen gibt, so sind sie nicht Bestandteil unserer Linie. Für mich liegt alles Essentielle in dem, was er mich lehrte. Alles, was du brauchst, liegt darin, sagte er.

Transit_push_boat.gifFT: Wie war das, als Sie bei Dr. Tao LHBF erlernten? Wie unterrichtete er?

NM: Zuerst unterrichtete er den “Umriß”, später dann die “inneren” Dinge. Man lernte also zuerst einige Bewegungen, übte sie, lernte weitere Bewegungen. Wenn ich ihn bat, diese zu wiederholen, fügte er einige neue Bewegungen dazu – deshalb fragte ich ihn nicht zu oft (lacht).

Eine andere Sache waren die Anwendungen. Anfangs zeigte er nicht viele Anwendungen; er glaubte, daß dadurch zuviele Einschränkungen entstehen, weil sie die Schüler nur auf bloße Techniken festlegen.

FT: Sie nehmen meine nächste Frage vorweg.

NM: Anwendungen bestimmter (Form-)Bewegungen, die sich in meinem Gedächtnis festsetzen, bedeutet für mich, daß ich nicht wirklich lebendig, frei agieren kann. Wenn jemand so kommt, mache ich dies und wenn jemand so kommt, mache ich das. Das ist starr. Aber was ist, wenn der Gegner stärker, langsamer, schneller oder aus anderen Winkeln angreift? Es entspricht nicht den 6 Harmonien, es muß frei sein.

Wenn ich ihn z.B. angriff, dann machte er einige Anwendungen, aber er sagte nicht, aus welchem Teil der Form sie waren. Später, wenn ich alleine übte, kam ich dann von selbst darauf.

Wird fortgesetzt!

Erläuterungen zu den Bildern, von oben nach unten:

Bild 1 – Meister Nathan Menaged

Bild 2 – Transitbewegung von Bild 9 “Die einsame Wildgans löst sich vom Schwarm” zu Bild 10 “Das Wildpferd jagt dem Wind hinterher”

Bild 3 – Transitbewegung von Bild 17 “Das Boot mit der Strömung schieben” zu Bild 18 “Das zornige Pferd wendet den Kopf herum”



Datum: Sonntag, 10. August 2008 23:07
Themengebiet: Interviews Trackback: Trackback-URL
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