Die 8 (äußeren und inneren) Methoden des Liuhe Bafa
In dem schon erwähnten Werk des Li Dongfeng, dem “Wu Zi Yue” oder 5-Wörter-Geheimnisse, heißt es in Vers 11 und 12:
11 – Yao Xue Xin Yi Gong
Unverzichtbar [um zu] Erlernen, [die Vereinigung von] Bewußtsein [und] Absicht [zu] Erreichen,
12 – Xian Cong Ba Fa Qi
[ist es] Zuerst [damit zu] Beginnen, [den] Acht Methoden [zu] Folgen
(Umstellung der deutschen Begriffe, um den Sinn zu verdeutlichen, vom Autoren)
Während die 6 Vereinigungen/Harmonien (Liuhe) eine Anleitung zur “inneren”, geistigen oder prinzipiellen Schulung darstellen, so versorgen uns die 8 Methoden (Bafa) mit den nötigen Werkzeugen der “äußeren”, körperlich-praktischen oder strategisch-taktischen, Umsetzung eben dieser Prinzipien. Es wird bei diesen 8 Methoden abermals zwischen 8 äußeren und 8 inneren unterschieden, wobei die verschiedenen Liuhe Bafa-Traditionen diese (wohl aus didaktischen Gründen eingeführte) Differenzierung mitunter nicht so streng sehen und die 8 äußeren und inneren Methoden einfach zusammenfassen.
Ohnehin sollten die 8 Methoden in ihrer Gesamtheit (außen wie innen und alle 8 gemeinsam) praktiziert bzw. angewendet werden, dies erreicht man nach und nach über das regelmäßige Trainieren der Form sowie über weitere spezielle Übungen. Dabei sollte man auch diese 8 Methoden nicht als etwas Künstliches verstehen, sondern als unterschiedliche Aspekte bzw. Qualitäten des “Natürlichen Zustandes”, zu dem es wieder zurückzukehren gilt. Ich möchte noch hinzufügen, daß – meiner derzeitigen Kenntniss entsprechend – die unten aufgeführten Hauptbegriffe in allen Liuhe Bafa-Linien identisch sind, aber z.T. unterschiedlich interpretiert werden; die folgenden Erläuterungen stammen demzufolge aus meiner Linie.
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Die 8 äußeren Methoden sind:
1. Qi und Luo (Aufsteigen und Fallen)
Gemeint ist hier sowohl das Liuhe Bafa-typische ständige Wechseln der Höhenniveaus in der Form als auch das – in bestimmten Anwendungen und nicht immer konform mit dem sichtbaren Bild stattfindenden – Steigen und Fallen des Schwerpunktes zur Wirkungsgenerierung sowie nicht zuletzt die spezielle Art der Atmung.
2. Dong und Jing (Bewegung und Ruhe)
Bezieht sich auf das Verhalten in einem Kampf; es geht darum, auf die Aktionen des Gegners nicht zu re-agieren, sondern durch die eigenen indifferenten Bewegungen die Situation zu bestimmen.
3. Jin und Tui (Vorstoßen und Zurückziehen)
Angriff oder Abwehr erfolgt spontan, augenblicklich und unabhängig davon, ob man angreift oder abwehrt, es ist immer die Summe der gesamten zur Verfügung stehenden Potentiale.
4. Kai und He (Öffnen und Schließen)
Durch Öffnen und Schließen der Gelenke, später von Körperregionen und noch später des gesamten Körpers sammelt und entlädt man die Energie. Anfänglich lernt man, beim Öffnen die Wirkkraft zu entladen und beim Schließen wieder zu sammeln, mit fortgeschrittener Praxis aber spielt diese zunächst technisch/didaktisch bedingte Reihenfolge keine Rolle mehr und man öffnet und schließt, sammelt und entlädt situationsgerecht und/oder nach Belieben und unabhängig von jedweder Abfolge.
5 . Yin und Yang (Innen und Außen)
Ab eines bestimmten Fertigkeitsgrades sollten innen und außen, weich und hart etc., kurz, Polaritäten schlechthin, in ihrer Gegensätzlichkeit nicht nur erkenntlich, sondern auch im Moment ihres Wechsels faßbar sein. Dieser kurze Augenblick des Wandels oder des neutralen Zustands (Sai Guk), wo z.B. eine Bewegung (des Gegners) zuende ist, aber die nächste noch nicht begonnen hat, ist so etwas wie ein Tor, durch das man “hindurchgreifen” und mühelos Veränderungen bewirken kann. Darüber hinaus bezieht sich innen und außen aber auch auf die Aufhebung eben dieser Gegensätze oder anhand eines Beispiels anders formuliert, meine Körperoberfläche trennt mich nicht vom umgebenden Raum, sondern verbindet mich damit.
6. Shi und Xu (Voll und Leer)
Hier geht es um die – idealerweise von außen nicht erkennbare – Verteilung des Gewichts bzw. des Schwerpunkts, sei es im Stand oder in der Bewegung. Ein Schritt mag “voll” erscheinen, ist aber leer, eine Hand kann “leer” wirken, ist aber voll.
7. Wa und Qiao (Springen und Überbrücken)
Stellt einen weiteren möglichen und “aktiven” (für gewöhnlich lassen wir einen Angreifer zu uns kommen) Weg dar, ggfs. die Distanz zum Gegner zu verringern und ihn so für uns erreichbar zu machen. Liuhe Bafa verfügt auch über zahlreiche Qinna (= Greifen und Kontrollieren)-Techniken und ist sowohl im Tritt-/Schlagabstand als auch im direkten Nahkampf wirksam. Allerdings sollte man hier den Begriff “Springen” nicht mit einem “in-Richtung-auf-den-Gegner-zu-Hüpfer” verwechseln – es handelt sich dabei vielmehr um eine sehr plötzliche, abrupte Distanzverkürzung und “überbrückt” wird der Abstand zum Angreifer mit den (Unter-)Armen.
8. Liu He (Sechs Vereinigungen)
Diese 6 Vereinigungen sind nicht mit den in einem früheren Kapitel erklärten zu verwechseln, obwohl sie z.T. identisch sind. Ich möchte nochmals daran erinnern, daß die 6 Vereinigungen den abstrakt-prinzipiellen Bereich umfassen, indessen es jetzt um die materiell-körperliche Umsetzung geht. Und auch hier haben wir es mit inneren und äußeren Harmonien zu tun, als da wären:
Die 3 “inneren” Vereinigungen:
1. XIN (Herz/Bewußtsein) vereinigt sich mit YI (Absicht),
2. YI (Absicht) vereinigt sich mit QI (Innere Energie),
3. QI (Innere Energie) vereinigt sich mit LI (Kraft). [Hier ist der erste Unterschied, folgend die weiteren.]
Die 3 “äußeren” Vereinigungen:
4. Schultern vereinigen sich mit den Hüften,
5. Ellbogen vereinigen sich mit den Knien,
6. Hände vereinigen sich mit den Füßen.
Alles muß als Einheit fungieren, es darf keinen Bruch geben.
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Die 8 inneren Methoden lauten:
1. Qi (Energie)
Es gilt, durch stetige Praxis das Qi zu erfahren, im (unteren) Dantian zu sammeln und von dort aus zu lenken bzw. mit dem “Yi” (Absicht) zu vereinigen und so im Sinne des Liuhe Bafa anwendbar zu machen. Nach der traditionellen Sichtweise nimmt das untere Dantian (= Zinnoberfeld – es wird von drei Dantian ausgegangen: im Unterbauch, im Brustkorb und im Kopf. Sie gelten als energetische Zentren; in den inneren Kampfkünsten wird das untere Dantian übereinstimmend als das wichtigste angesehen und entspricht von seiner Lage her in etwa auch dem körperlichen Schwerpunkt des Menschen) eine zentrale Rolle als “Sammelpunkt” des Qi ein.
2. Gu (Knochen)
Über die Knochen, Gelenke und die beteiligten Muskeln, Sehnen und Bänder erreicht man durch Übung die Verbindung der Körpersegmente bzw. Gliedmaßen zu einer Einheit und entwickelt so die für die Praxis benötigte Struktur. Außerdem soll sich – nach der klassischen Auffassung – die Wirkkraft “Jin” in den Knochen verborgen ansammeln, u.a. deren Mark reinigen und erneuern und als “Fajin”, als plötzliche, explosionsartige Entladung, im Kampf freigesetzt werden.
3. Xing (Zustand)
Alle Bewegungen sind kontinuierlich, bruchlos und fließend wie Wasser; man selbst ist indessen achtsam und wach, offen und gegenwärtig und man ist nach entsprechender Übung u.a. in der Lage, …
4. Sui (Folgen)
… den Bewegungen eines Angreifers zu “folgen”, an ihnen zu “haften”, dadurch die Absichten des Gegners zu erkennen, ihn zu “überholen” und z.B. seine Kraft aufzulösen oder gezielt in eine andere Richtung zu leiten.
5. Ti (Anheben)
Man stelle sich vor, daß oben am Scheitelpunkt des Kopfes ein Faden befestigt sei, an dem der Mensch “hängt”. Dadurch wird einerseits das Haupt erhoben gehalten während sich gleichzeitig der Schwerpunkt nach unten verlagert, die Wirbelsäule streckt sich, wird aufrecht und “lang”. Das Qi kann in das untere Dantian sinken bzw. ungehindert durch den ganzen Körper zirkulieren; die Bewegungen werden leicht und fest gleichermaßen und können deshalb …
6. Huan (Zurückkehren)
… hin oder her, nach oben oder unten, nach rechts oder links, kurz, in alle beliebigen Richtungen und wieder zurück nahtlos ausgeführt werden. Wir dürfen nicht übersehen, daß üblicherweise zur Ausführung einer Bewegung zur Wahrung der Balance eine Gegenbewegung in die entgegengesetzte Richtung stattfinden muß. Hier geht es zunächst darum, sich dieser Gegensätze bewußt zu werden und mit fortschreitender Fertigkeit die eigene Bewegung aus dem neutralen Punkt dazwischen (eine weitere Nutzung des Sai Guk) zu generieren.
7. Le (Zurückhalten)
Man sollte sich stets, sowohl während des Übens als auch in einer kämpferischen Auseinandersetzung, nicht nur um eine ruhige, entspannte mentale Einstellung bemühen, sondern – mit wachsender Erfahrung darüber hinaus – auch um einen Status der inneren “Stille” oder “Leere”: “Des Dao-Menschen Herz ist kalt wie Eis”. Damit ist beileibe nicht gemeint, daß man zum emotionslosen Alien mutiert, sondern nur, daß man einerseits auch auf dieser Ebene nicht mehr angreifbar ist und andererseits in diesem Zustand der Stille ungebunden an Erwartungen, Meinungen und Spekulationen mit den gegnerischen Angriffen umgeht und zur rechten Zeit das Richtige tut.
8. Fu (Verbergen)
Auf die Bewegungen der Form bezogen sind die Anwendungen verborgen, ein Beobachter oder Gegner kommt, was die wirkliche Bedeutung betrifft, zu falschen Schlüssen. Außerdem verbirgt der Liuhe Bafa-Praktiker im Kampf seine Absicht, seine Stärke und seine Fähigkeiten, sie sind nicht erkennbar. Wenn er handelt, dann überraschend, seine tatsächlichen Bewegungen sind “unsichtbar” für den Angreifer.
