Beiträge vom Dezember, 2007

Videos verschiedener Liuhe Bafa-Linien

Freitag, 28. Dezember 2007 10:24

Leider ist es bisher noch nicht möglich, ein Video-Beispiel für meine Liuhe Bafa-Linie
Dr. Eric Lee <- Lu Fenglin <- Han Guishen <- Wu Yihui
zu posten. Damit man sich dennoch im Sinne des Wortes ein Bild machen kann, sind hier nun folgend einige Videoclips anderer Liuhe Bafa-Linien aufgeführt. Die Reihenfolge dieser Clips ist mehr oder weniger zufällig und stellt kein Bewertungskriterium dar; die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und soll sukzessive ergänzt und aktualisiert werden.

01.) Liuhe Bafa-Treffen in Huainan im Nov. 2007
02.) Zhou Yuewen, LHBF-Form
03.) Li Wenfu, LHBF-Form
04.) Wailun Huang, LHBF-Form
05.) Liu Xiaoling, LHBF-Form
06.) Yun Yinsen, LHBF-Vorübung im Stehen
07.) Yun Yinsen, LHBF-Formübung auf der Stelle
08.) Yun Yinsen, LHBF-Form Teil 1
09.) Yun Yinsen, LHBF-Form Teil 2
10.) Ginarita Ng, LHBF-Form nach Zhou Shusheng

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Ein kurzer Überblick über die Historie des Liuhe Bafa

Donnerstag, 27. Dezember 2007 0:00

Wir wissen leider nicht viel historisch Haltbares über die Entstehung des Liuhe Bafa. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man die Zeiten betrachtet, in denen dieser Stil entstanden sein soll – schriftliche Aufzeichnungen aus dieser Epoche gibt es zum Bedauern der Liuhe Bafa-Praktiker nicht; wir begeben uns also zunächst ins Reich der Überlieferungen und der wenigen gesicherten Fakten.

Chen_Tuan.jpgChen Tuan

Allen Liuhe Bafa-Schulen und -Richtungen ist gemein, daß sie als legendären Gründer Chen Tuan (auch bekannt als Chen Bo, Chen Xiyi, Fuyaozi) anerkennen. Chen Bo soll um 871 – 989 (die Übergangszeit zwischen der Ära der Fünf Dynastien und Zehn Königreiche – 907 bis 960 und dem Aufstieg der nördlichen Song-Dynastie – 960 bis 1279) gelebt haben; geboren wurde er als Sproß einer wohlhabenden und angesehenen Familie in der zentralchinesischen Provinz Sichuan (andere Quellen geben den Kreis Haozhou in der Provinz Shanxi an, wieder andere die Stadt Zhenyuan im Kreis Bozhou – Anmerkung: leider konnte ich bisher noch nicht feststellen, ob Haozhou bzw. Bozhou möglicherweise identisch sind, meine dsbzgl. Quellen geben keine chinesischen Schriftzeichen an) und soll sich schon als Knabe außergewöhnlich entwickelt haben – es heißt, das er im Schlaf in seinen Träumen von einer Unsterblichen, die er die “Grüne Dame” nannte, aufgesucht und u.a. in den Klassikern Yijing und Daodejing unterrichtet wurde sowie, daß sie ihn außerkörperlich zu besonderen Plätzen und Tempeln führte, damit er dort seine Studien fortsetzen konnte. Dies und seine parallel verlaufende “irdisch-gewöhnliche” Erziehung/Ausbildung machten ihn als jungen Mann zu einem ausgewiesenen Experten der Klassiker.

Den Wünschen seiner Familie folgend, sollte er eine Karriere als ziviler Staatsbeamter im Dienst des Herrschers anstreben – die notwendigen Voraus-
setzungen hätte er, siehe oben, allemal gehabt, aber aus welchen – nicht überlieferten Gründen – auch immer “sabotierte” er absichtlich die Prüfung und fiel prompt durch.

Kurze Zeit danach verstarben beide Elternteile und Chen Tuan machte sich nach angemessener Trauerzeit auf, China zu durchwandern bis er sich nach Jahren des Herumreisens, in denen er ständig sein Wissen erweiterte, zunächst in der 9-Kammern-Höhle auf dem berühmten Wudangshan in der Provinz Hubei niederließ und ein zurückgezogenes Leben führte; einige Zeit später (eine Quelle nennt eine Aufenthaltszeit von immerhin ca. 20 Jahren) verließ er jedoch den Wudangshan und erreichte schließlich den Yuntai-Tempel auf dem Huashan in der Provinz Shaanxi (nicht zu verwechseln mit der benachbarten Provinz Shanxi), einem der 5 (daoistischen) heiligen Berge Chinas (Taishan, Huashan, Nan Hengshan, Bei Hengshan und Songshan), wo er als Einsiedler u.a. Kontakt mit Lü Dongbin (einem der legendären 8 Unsterblichen – dargestellt als Gelehrter mit Fliegenwedel und magischem Schwert. Er ist der Schutzheilige der Barbiere, aber wahrscheinlich war er eine historische Person und gilt als eine bedeutende Gestalt im Daoismus) und anderen daoistischen Meistern und Gelehrten pflegte. Übrigens wird auch Chen Tuan von Daoisten als Meister und hervorragende Persönlichkeit angesehen; seine philosophischen Schriften beeinflußten viele der daoistischen Kernlehren.

So überrascht es denn auch nicht, daß Herrscher und Minister seine Weisheit suchten bzw. ihn an den Hof zurückhaben wollten; Chen Tuan jedoch wies all’ diese Ansinnen zurück, blieb Einsiedler und kultivierte das Dao. Es gibt in diesem Zusammenhang eine ganz reizende Geschichte: Taizu, der erste Regent der Song-Dynastie, auf dem Wege in die Nordregionen des Landes um diese mit Gewalt zu vereinigen, legte am Huashan einen Zwischenstop ein um Chen Tuan aufzusuchen und ihn als ständigen Ratgeber zu gewinnen. Chen Tuan schlug ihm eine Wette in Form einer Partie Schach vor – sollte Taizu gewinnen, würde er freiwillig mitgehen, würde jedoch er gewinnen, so sollte der Regent ihm seinen Frieden lassen und obendrein den ganzen Berg schenken. Man muß nicht lange überlegen um festzustellen, wie die Wette ausging – natürlich gewann Chen Tuan und der Herrscher hielt sein Wort.

Noch heute kann man den sogenannten “Schachpavillon” auf dem Zentralgipfel des Huashan bewundern – bezaubernde Bilder des Pavillons und der wirklich märchenhaften Landschaft des Huashan kann man sich hier ansehen.

Während seines zurückgezogenen Lebens auf dem Huashan perfektionierte Chen Tuan sein Wissen und Können um die Schlaf-/Traum-Meditation und es heißt, daß er mitunter bis zu 100 Tage in einem schlafähnlichem Zustand verweilte. In diesen Phasen erforschte, entdeckte und entwickelte er verschiedene Methoden der Qi-Kultivierung, so z.B. eine 24-teilige Übungsreihe (Ershixi Qi Daoyinshu), die der Übende gemäß dem Wechsel der Jahreszeiten praktizieren soll und natürlich Liuhe Bafa.

Darin destillierte er die durch persönliche Erfahrung gewonnen Einsichten der 6 Harmonien/Vereinigungen:

1. Der Körper vereinigt sich mit der Bewußtheit

2. Die Bewußtheit vereinigt sich mit der Absicht

3. Die Absicht vereinigt sich mit dem Qi

4. Das Qi vereinigt sich mit dem Geist

5. Der Geist vereinigt sich mit der Bewegung

6. Die Bewegung vereinigt sich mit der Leere

Noch viele Jahre des Entwickelns und des Unterrichtens vergingen, bis eines Tages – so will es die Legende – Chen Tuan seinem besten Schüler auftrug, eine weitere Höhle in den Berg zu graben. Nachdem diese fertiggestellt war, zog sich der alte Weise mit seinen Habseligkeiten und all’ seinen Aufzeichnungen darin zurück und verschied. Die Legende weiß weiter zu berichten, daß noch über 7 Monate nach seinem Tod sein Körper warm war und – unverwest – von lebendig wirkenden Äußerem; auch soll eine vielfarbige Wolke am Eingang erschienen sein und des Nachts erstrahlte ein Lichtschein aus dem Inneren der Höhle.

Das große Vermächtnis, daß uns – der Sage nach – Chen Tuan hinterließ, waren neben seinen daoistisch-philosophischen Lehren und seinen Qigong-Methoden die Kunst des Liuhe Bafa – eine exquisite Kampfkunst und ein wahres Kronjuwel der Neijia.

Unbestritten ist, daß – wie schon weiter oben erwähnt – Chen Tuans Gedankengut die Entwicklung des Daoismus mit geprägt hat, ebenfalls unbestritten ist, daß die ihm zugeschriebenen Qigong-Methoden und das Liuhe Bafa noch heutzutage geübt werden, aber inwieweit er tatsächlich diese Übungen sowie diese Kampfkunst entwickelt hat, muß ich – wenngleich mit Bedauern – offen lassen; zuviel mag daran Mythos und Legende sein.

Aber sehen wir, was weiter geschah, als ungefähr 300 Jahren später die nächste große Gestalt des Liuhe Bafa, Li Dongfeng, die Bühne des Zeitgeschehens betritt.

Li Dongfeng

Es gibt meines Wissens leider keine Hinweise darauf, ob bis zu Li Dongfeng das Liuhe Bafa weiter tradiert wurde oder nicht bzw. überhaupt schon existierte, falls ja geriet es wahrscheinlich in Vergessenheit.

Aber gegen Anfang der Yuan-Dynastie (1279 – 1368), so berichten die Legenden, machte sich Li Dongfeng, Gelehrter und Kampfkünstler, von seiner Heimstatt auf dem Yunshan zu eine Pilgerreise zum Huashan auf und entdeckte dort die Grabstätte des Chen Tuan. Es heißt, daß ihm die in der Umgebung lebenden Daoisten einige der alten Höhlen zeigten, in denen Chen Tuan gelebt und gelehrt haben soll, jedoch blieb seine Suche nach dem eigentlichen Grab zunächst erfolglos. (Ob Li gezielt nach dem Grab und nach Chens Hinterlassenschaften suchte oder es eher zufällig fand, muß offen bleiben – jedenfalls waren die Umstände, wie er schließlich doch darauf stieß, schon sehr außergewöhnlich.)

Denn, als Li erfolglos und entmutigt schon aufgeben und am nächsten Tag die Heimreise antreten wollte, sah er in dieser Nacht einen Lichtschimmer aus der Flanke eines der Berggipfel dringen. Ängstlich machte er sich auf, nach der Ursache dieses Leuchtens zu suchen und war über die Maßen überrascht und glücklich, als er feststellte, daß ihn dieses Licht schlußendlich doch zum Ziel seiner Pilgerreise geführt hatte – Chen Tuans Grabhöhle.

Darin fand er dessen Skelett (einige Quellen lassen diesen Punkt aus bzw. übergehen ihn), Chens persönliches Hab und Gut sowie seine Manuskripte – u.a. ausführliche Anweisungen zum Liuhe Bafa.

Li Dongfeng war, wie schon weiter oben erwähnt, Gelehrter und Kampfkünstler. Mit Hilfe der daoistischen Einsiedler und seiner Kenntnisse konnte er die anspruchsvollen Anweisungen entschlüsseln – nach Jahren des Ausprobierens und Übens hatte er die Kunst des Liuhe Bafa wiederbelebt, kehrte zum Yunshan zurück und unterrichtete eine kleine Gruppe der dort praktizierenden Daoisten. Außerdem systematisierte er alles, was er auf dem Huashan über Liuhe Bafa gelernt hatte und schrieb es in 134 Versen (= Zeilen) zu je 5 Schriftzeichen nieder – bekannt als “Wu Zi Yue” oder 5 Wörter (= Schriftzeichen) Geheimnisse, die bisher einzige bekannte aus dieser Zeit stammende Abhandlung der originalen Liuhe Bafa-Prinzipien und die Quintessenz dieser Kampfkunst.

Die erste Zeile z.B. lautet:

Xin Yi Ben Wu Fa
Bewußtheit (und) Absicht (ist die) Grundlage (des) Ohne Methode (seins)

Ich kann nicht für die Richtigkeit der Namen der folgenden Übertragungslinie garantieren, aber es scheint akzeptabel anzunehmen, daß mit Li Dongfeng tatsächlich eine kontinuierliche Weitergabe des Liuhe Bafa an die nächstfolgende Generation begann.

Li Dongfengs Meisterschüler und Nachfolger war Song Yuantong (Sung Yuen Tung), dessen 4 Nachfolger waren Liu Kun (Lao Kwan), Lee Li (Lee Li), Zhang Xie Lee (Cheung Hok Lai) und Zhang Ji Shan (Cheung Kai Sen).

Über Song bzw. seine Schüler sowie über die nächsten Generationen, die ich hier der Einfachheit halber überspringe, kann ich leider keine Aussagen machen. Aber mit Wu Yi Hui, dem Ersten, der Liuhe Bafa der Öffentlichkeit zugänglich unterrichtete, befinden wir uns endlich schon dicht an unserem Jahrhundert.

wu_yi_hui_portrait_11.jpgWu Yi Hui (Wu Yik Fan / Ng Yik Fai)

Meinen Recherchen nach haben wir es höchstwahrscheinlich allein Wu Yi Hui (1887-1961) zu verdanken, daß das Liuhe Bafa überhaupt erst seinen Einzug in den Kreis der allgemein zugänglichen Kampfkünste halten konnte – vorher war es vermutlich nur in kleinen, kaum bekannten bzw. zugänglichen daoistischen Gemeinschaften zu finden.

Wu Yi Hui wurde in Tieling im nordöstlichen China geboren. Er stammte aus einer angesehenen Beamtenfamilie, die möglicherweise sogar mit der herrschenden Qing-Dynastie (1644 – 1911) verwandt war und genoß daher eine ausgezeichnete Erziehung.

Es heißt über ihn, er sei ein gebildeter Mensch, kultiviert und von gutem Charakter, gewesen, auch ein begabter Maler und Kalligraph, humorvoll, weltoffen und reiselustig. Und er war ein sehr talentierter Kampfkünstler …

Im Jahr 1896 wurde Wus Vater nach Kaifeng (Kaifeng war in der chinesischen Geschichte eine der alten Hauptstädte) in der Provinz Henan versetzt, um dort als Verwaltungsbeamter tätig zu sein und die ganze Familie zog um.

(Anmerkung des Autoren: Viele Quellen benennen dagegen Pien-Liang, Pienliiang oder Pianliang als Zuzugsort; leider konnte ich nicht herausfinden, ob damit tatsächlich Kaifeng, nur in einem anderen Dialekt ausgesprochen, gemeint ist, um einen Verwaltungsbezirk oder Ortsteil von Kaifeng oder aber – und hier wird es wieder unsicher – es sich schlicht um einen Irrtum handelt, wie widerum eine ganz andere Quelle behauptet. Da heißt es nämlich, daß Wu Yi Hui erklärt habe, er sei von seinen drei Lehrern [darüber später mehr] in Pianliang unterrichtet worden. Aber es wird von dieser Quelle behauptet, es handele sich dabei in Wirklichkeit um die Stadt Pianling, die nur knapp 100 Kilometer von Wus Geburtsort Tieling entfernt liegt. Das könnte im Zusammenhang mit den drei Liuhe Bafa-Lehrern des Wu Yi Hui von Wichtigkeit sein.)

Fortsetzung folgt

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Über den Autoren

Mittwoch, 26. Dezember 2007 11:34

AB_Vita.gif

Friedhelm Tippner, Jahrgang ‘53, machte im Alter von 10 Jahren seine ersten Kampfkunst-Erfahrungen und wurde 6 Jahre später von seinen ersten chinesischen Lehrern als Privatschüler angenommen, als Ergebnis dieser glücklichen Umstände wechselte er vollständig zu den Neijia (Inneren Stilen).

Seine Lehrer waren und sind: Shrfu Richard Hsiang und “Onkel” Anthony Hsiang – Baguazhang, Taijiquan und Xingyiquan;

Helmut Barthel, der Begründer des Tan Tien Tschüan - inspirierte ihn durch den über mehrere Jahre andauernden Kontakt zum Konzept der “Aufwandslosen Bewegung”;

Dr. Eric Lee – Xinyi Liuhe Bafa (Wasserstilboxen) in der Linie Wu Yihui – Han Guishen – Lu Fenglin – Dr. Eric Lee – Friedhelm Tippner.

Darüber hinaus trainierte er aber auch noch bei vielen weiteren Meistern und verfügt heute über mehr als 45 Jahre an praktischer Erfahrung im Lernen und Lehren sowie über fundiertes Wissen und Fertigkeiten.

Als Produkt seiner früheren Tätigkeit als Freelancer wurden zahlreiche seiner Artikel in deutschen und europäischen Kampfkunstmagazinen und -journalen veröffentlicht.

Gründete 1985 die Ying Men Schule Neuss e.V. und leitet seitdem dort das Training; gibt regelmäßig Wochenend-Seminare im Inland sowie gelegentlich im Ausland. Seit 2006 hauptberuflich als Kampfkunst-Lehrer tätig unterrichtet er neben Baguazhang und Taijiquan (nur noch als Privatunterricht/Seminar möglich) das von ihm über Jahre entwickelte Konzept der “Aufwandslosen Bewegung” (überwiegend auf Wochenend-Seminaren) sowie regelmäßig Xingyiquan und das von ihm hochgeschätzte Xinyi Liuhe Bafa.

Ein Interview mit dem Autoren finden Sie hier.

Privatunterricht und Ausbildungen auf Anfrage – oder haben Sie Interesse an einem Seminar in Ihrer Umgebung? Mailen Sie mich einfach an:

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Die 66 Bewegungsfolgen (Bilder) der Liuhe Bafa-Hauptform

Dienstag, 25. Dezember 2007 21:23

(Im Original wird jede dieser 66 Bezeichnungen aus nur vier Schriftzeichen gebildet.)

Bei der Übersetzung der Namen waren mir Eric Lee, mein Liuhe Bafa-Lehrer sowie Stefan Gätzner, Herausgeber des “Magazins für chinesische Kampfkunst – das Beste aus Wuhun” behilflich; insbesondere die interessanten [Anmerkungen] verdanke ich größtenteils ihm.

Erster Teil:

1. ting che wen lu – Den Wagen anhalten und nach dem Weg fragen
2. lin ya le ma – Das Pferd kurz vor dem Abgrund zügeln
[etwas im letzten Moment verhindern]
3. bi men tui yue – Die Tür schließen und den Mond schieben
4. bo yun jian ri – Die Wolken beiseite fegen und die Sonne erblicken
[plötzlich etwas begreifen]
5. lin ya le ma – Das Pferd kurz vor dem Abgrund zügeln
[etwas im letzten Moment verhindern]
6. zhai xing huan dou – Pflücke die Sterne und ordne sie neu
7. hong yan shuang fei – Ein Wildganspärchen fliegt gemeinsam
8. bi men tui yue – Die Tür schließen und den Mond schieben
9. gu yan chu qun – Die einsame Wildgans löst sich vom Schwarm
10. ye ma zhui feng – Das Wildpferd jagt dem Wind hinterher
11. chuan liu bu xi – Flüsse strömen endlos
[bezieht sich auf das Kommen und Gehen von Menschen]
12. fu hu ting feng – Der kauernde Tiger lauscht dem Wind
13. sheng dong ji xi - Im Osten Lärm machen [antäuschen]
aber im Westen angreifen
14. qing long tan zhua - Der grüne Drache streckt seine Klauen aus
15. dan cheng jiu zhuan – Nach neun Umdrehungen ist das Wunderelixier vollendet
16. bo yun jian ri – Die Wolken beiseite fegen und die Sonne erblicken
[plötzlich etwas begreifen]
17. shun shui tui zhou - Das Boot mit der Strömung schieben
[sich einer Lage anpassen]
18. nu ma hui tou – Das zornige Pferd wendet den Kopf herum
19. ping hua luo yan – Die Blumen aus der Vase fallen auf den Tuschstein
[vollständig heißt der Spruch: Die Blumen aus der Vase fallen auf den Tuschstein; ihr Duft findet sich in den Schriftzeichen wieder. Der Bambus im Wind klopft ans Fenster; sein Rhythmus geht in die Schrift ein.]
20. gau shan liu shui – Hohe Berge, stürzende Wasser
[Beschreibung einer außergewöhnlichen Melodie oder auch Analogie für einen engen Freund]
21. er tong song shu – Der Page bringt Bücher herbei
22. qiao fu dan chai – Der Holzfäller trägt Feuerholz auf den Schultern
23. tian guan zhi xing – Der Beamte des Himmels zeigt auf die Sterne
24. wu yun peng yue – Fünf Wolken umhüllen den Mond
25. tuo tian gai di – Stütze den Himmel und bedecke die Erde
26. yan zi chao shui – Die Schwalbe streicht über das Wasser
27. zhao yang guan er – Die Morgensonne durchdringt die Ohren
28. jie shou shuang tui – Die Hand abfangen und [mit beiden Armen] stoßen
29. xun feng sao xie – Die warme Südbrise fegt die Blätter hinweg
30. yan zi xian ni – Die Schwalbe trägt Lehm im Schnabel
31. ling yuan zhai guo – Der geschickte Affe pflückt die Früchte
32. meng hu hui tou – Der grimmige Tiger wendet sich um

Zweiter Teil:

33. xuan zhuan qian kun – Himmel und Erde umdrehen
[die Lage auf den Kopf stellen]
34. feng bai he xie – Lotusblätter wiegen sich im Wind
35. yan shou chong quan – Die Hand verbergen und gerader Fauststoß
[mit der Hand einen Fauststoß verbergen]
36. pi pa zhe mian – Das Gesicht mit einer Laute schützen
37. liu xing gan yue – Sternschnuppen verjagen den Mond
38. yan zi xie fei – Die Schwalbe fliegt schräg
39. dan feng zhao yang – Der zinnoberrote Phönix blickt zur Sonne auf
40. fan jiang jiao hai – Die Flüsse umwälzen und das Meer aufwühlen
[1. gewaltige Wassermassen; 2. eine große Kraft/Macht/Einfluss]
41. dao qi long bei – Umgekehrt auf dem Rücken des Drachen reiten
42. li mao pu die – Die listige Katze stürzt sich auf den Schmetterling
43. chou liang huan zhu – Den Dachbalken herausziehen und den Pfeiler austauschen
44. feng juan can yun – Der Wind verweht die zerstreuten Wolken
45. zhi long xian shen – Der Drache erscheint nach dem Winterschlaf
46. wu long bai wei – Der schwarze Drache schwingt seinen Schwanz
47. ping fen qui se – Die Ernte gleichmäßig aufteilen
48. zou ma guan hua – Im Vorbeireiten die Blumen betrachten
[1. ein erfreulicher Anblick auf der Reise; 2. etwas oberflächlich betrachten]
49. kui xing xian dou – Kui Xing präsentiert das Gestirn
[die vier unteren Sterne des Großen Wagens, die den Gott der Literatur darstellen]
50. yan zi chuan yun – Die Schwalbe durchfliegt die Wolken
51. ti shou qi xing – Die Hände zu den Sieben Sternen [der Große Wagen] heben
52. yan zi heng xie – Eine Reihe Wildgänse fliegt schräg
53. huang long zhuan she – Der gelbe Drache dreht sich um
54. wu sheng zhao tian – Die fünf Heiligen grüßen den Himmel
55. xie di cang lian – Der Lotus verbirgt sich unter den Blättern
56. feng huang zhan chi – Der Phönix breitet die Flügel aus
57. bai guan zhuo shi – Der weiße Storch pickt nach dem Futter
58. yue gua song shao – Der Mond hängt im Wipfel der Kiefer
59. dao jie niu wei – Den Ochsen am Schwanz hochheben
60. tong zi bao qin – Das Kind hält die Zither in den Armen
61. xi niu wang yue – Das Rhinozeros betrachtet den Mond
62. yao zi chuan lin – Der Sperber durchfliegt pfeilschnell den Wald
63. chi long jiao shui – Der rote Drache wühlt das Wasser auf
64. feng dong fu ping – Der Wind zerstreut die treibenden Wasserlinsen
65. qi sheng kun lun – Das Qi steigt bis zum Kunlun-Gebirge auf
[eine große Entschlossenheit aufweisen]
66. cun qi kai guan – Das Qi bewahren und die [drei] Pässe öffnen
[Pässe = hier sind vermutlich 3 "Erschwernisse" bei der Qi-Führung im Du-Meridian auf der Körperrückseite gemeint: die Steißbeinspitze, zwischen den Schulterblättern und am Schädelansatz]

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Interview mit Liuhe Bafa-Meister Thomas Choi

Sonntag, 2. Dezember 2007 23:36

thomas_choi.jpgMeister Thomas Choi begann seine Kampfkunstlaufbahn 1965 im Alter von 15 Jahren mit Nord-Shaolin Kung Fu. Im Jahr 1967 erlernte er Liuhe Bafa zunächst von Meister Li Chung und ab 1969 studierte er unter Großmeister Chan Yik Yan. Heute lebt und arbeitet Meister Thomas Choi als Geschäftsmann in Hong Kong und unterrichtet Menschen, die Liuhe Bafa zu schätzen wissen.

Das Interview führten Karl-Heinz Klug und Friedhelm Tippner im November 2007, übersetzt ins Deutsche und überarbeitet durch Friedhelm Tippner.

FRAGE: Um Sie unseren Lesern vorzustellen möchte ich unser Gespräch zunächst mit der Frage nach Ihrer persönlichen Kampfkunst-Geschichte eröffnen. Wie kamen Sie zum ersten Mal mit den Kampfkünsten in Berührung und aus welchem Grund entschieden Sie sich, Liuhe Bafa zu erlernen?

ANTWORT: 1965, als ich 15 war, begann ich für die folgenden 2 Jahre Nord-Shaolin Kung Fu zu erlernen, später, 1967, wurde ich Mitglied in der sogenannten “HuaYu XiYi YuQuan”-Schule (das bedeutet “Weicher XiYi Kampfstil vom Berg Hua” *) in Hong Kong (für 5,- HK$ Monatsbeitrag; sie wurde von der örtlichen Sozialgemeinschaft gesponsort, schauen Sie sich bitte Anhang A1 an). Der Hauptlehrer war Li Chung, assistiert von Lo Chi Wan und Poon Nai Chung. Erst später erfuhr ich durch Meister Poon, den ich fast täglich – er wohnte ziemlich nahe meiner Wohnung – zum Privatunterricht (für 15,- HK$ im Monat) aufsuchte, daß der eigentliche Name Liuhe Bafa war.

*) Anmerkung des Übersetzers: [Chen] XiYi war einer der anderen Namen des Chen Tuan, der als legendärer Begründer des Liuhe Bafa gilt. Er soll ihm von Taizong, dem zweiten Herrscher (976 – 997) der nördlichen Song-Dynastie (960 – 1127) verliehen worden sein und bedeutet: “[Chen] der Unergründliche”. Es wäre also auch folgende Übersetzung denkbar: “Weicher Kampfstil des Unergründlichen vom Berg Hua”.

Ich erlernte von meinen Lehrern die erste Hälfte der 66 Bilder der Hauptform, doch der Unterricht wurde darüber hinaus nie weitergeführt in den zweiten Teil; Meister Poon sagte mir, daß er beabsichtigte, mich seinem Lehrer, Großmeister Chan Yik Yan, vorzustellen, um den zweiten Teil eines Tages fortführen zu können, denn sie hatten von ihm nur den ersten Teil der Form gelernt, aber diese Begegnung kam nicht zustande. Der Unterricht dauerte 2 Jahre und ich übte stetig den ersten Teil sowie stehendes Qigong. Ich habe zwar keine Erfahrungen mit Sparring, aber seitdem kann mein Körper starken Schlägen in den Bauch widerstehen.

lhbf_29_breeze_sweeps_away_the_leaves.jpgDer 25. Juli 1969 war ein großer Tag für mich, denn einer meiner Onkel, Herr Yip, brachte mich zum Freund seines Freundes – Großmeister Chan Yik Yan. Er forderte mich auf ihm zu zeigen, was ich bisher gelernt hatte, aber dann lehnte er es ab, mich als seinen Schüler anzunehmen, denn er befürchtete, daß die Leute behaupten würden, er ziehe von Li Chung die Schüler ab. Ich flehte ihn unter Tränen an und glücklicherweise bat auch Großmeister Chans Frau, mich zu akzeptieren; selbstverständlich half Herr Yip ebenfalls. (Zu Ihrer Information – das Lehrgeld betrug 50,- HK$ monatlich für zweimal die Woche Abendunterricht; zu dieser Zeit betrug das Monatsgehalt eines Polizisten unter 400 HK$. Mein Vater übernahm alle Ausgaben, ich war damals Student.)

FRAGE: Es heißt, daß Großmeister Chan Yik Yan der erste Nachfolger von Großmeister Wu Yi Hui war und wie Sie vorher erwähnten, haben Sie direkt von Großmeister Chan Yik Yan gelernt. Können Sie uns einige Eindrücke der Art und Weise vermitteln, wie Großmeister Chan Yik Yan Sie und die anderen Schüler unterrichtete?

11_bild_60.jpgANTWORT: Großmeister Chan Yik Yan unterrichtete überwiegend die 66 Bilder der Hauptform – jede Bewegung sehr detailliert, die Schrittarbeit, wie die Anwendungen auszuführen waren sowie die geistige Einstellung und den Gesichtssinn etc. Gut war, daß viele unserer Senior-Schüler wie Lung Wah, Chow Tim, Wai Lun Choi ausgezeichnete Kenntnisse der Kampfkünste hatten; sie stellten viele Fragen und Großmeister Chan Yik Yan zeigte bzw. erklärte uns die Techniken und die geistige Einstellung – ich hielt alles nach dem Unterricht in meinem Tagebuch fest.

Er unterrichtete auch einige der Schüler individuell. Einmal zeigte er uns im kleinen Kreis die Hauptform, seine Hände schienen wie von Gummibändern geführt, der ganze Körper bewegte sich wie von einem Magneten angezogen und sein Hemd war nach nur sehr wenigen Bewegungen durchnäßt wie nach einem Regenschauer. Während des Unterrichts wurden viele unserer Fragen gewöhnlich damit eröffnet, daß wir nach ihm zu schlagen oder zu treten hatten (nicht Push Hands) und die Antwort war eine kleine Bewegung von ihm – er berührte uns am Kopf oder am Körper im Bruchteil einer Sekunde (eine Sekunde erschien ihm ziemlich lang), anschließend zeigte er uns alles langsam mit Erläuterungen und in vielen verschiedenen Ausführungen.

FRAGE: Können Sie uns einige Anekdoten aus dem Leben und Lehren von Großmeister Chan Yik erzählen?

ANTWORT: Unsere Schule war auf dem Dach des 9. Stockwerks eines Gebäudes im Stadtteil Wan Chai gelegen, dort unterrichtete er uns unter offenem Himmel; Großmeister Chan, seine Frau und ihr Hund hatten da auch ihre Wohnung. Soweit ich mich erinnere, spielte er gerne Majong (ein traditionelles chinesiches Spiel mit 4 Teilnehmern) und schaute sich Boxkämpfe im Fernsehen an; Muhammad Ali war zu dieser Zeit einer seiner favorisierten Boxer.

FRAGE: Wie würden Sie die Unterschiede zwischen Großmeister Chan Yik Yans und Meister John Chung Lis Liuhe Bafa beschreiben?

ANTWORT: Großmeister Chan Yik Yan zeigte wesentlich mehr von den Anwendungen des Liuhe Bafa mit allen Arten von Möglichkeiten, wie man einem Gegner begegnen sollte und er legte stets großen Wert darauf, daß Selbstvertrauen/Ausgeglichenheit eines der wichtigsten Dinge dabei ist. Meister John Chung Li unterrichtete die Bewegungen ebenfalls sehr detailliert, aber er legte mehr Wert auf den Aspekt der Gesundheitserhaltung. Ich denke, daß die meisten unserer Mitschüler der Klasse aus eben diesen Gründen wie sie im Anhang A1 aufgelistet sind, beitraten. Es ist nur zum Zwecke einer guten Gesundheit, daher hatten die meisten Schüler auch keine Kampfkunsterfahrung.

Meister John Chung Li war ein guter Lehrer und obendrein ein sehr netter Mensch. Zu schade, daß beide alten Meister untereinander Probleme hatten und sich aus dem Weg gingen, doch niemals hörte ich einen von ihnen vor uns schlecht über den anderen reden.

FRAGE: Wenn Großmeister Chan Yik Yan die Anwendungen zeigte – waren es Beispiele, die sich 1:1 am Bewegungsablauf der Form orientierten oder Anwendungen der Prinzipien dieser Bewegungen. Ich frage deshalb weil mir beigebracht wurde, das die Inneren Kampfkünste prinzipienbasiert sind und nicht auf Techniken beruhen.

ANTWORT:
Großmeister Chan Yik Yan demonstrierte bei den Anwendungen sowohl die exakten Bewegungsabläufe der Form als auch deren immanente Prinzipien. Die Techniken sind am Anfang sehr wichtig; erst dann, wenn Sie ein tieferes Verständnis für die Techniken entwickelt haben, können Sie über die Prinzipien sprechen. Ich weiß, daß einige der Inneren Kampfkünste die “Mentale Vorstellung”, aber keine Formen trainieren, aber Liuhe Bafa sollte beides beinhalten.

FRAGE: Wie lief denn damals so ein Unterricht normalerweise ab? Benutzten Sie Hilfsmittel (Gewichte z.B.), gab es Liuhe Bafa-spezifische Partnerübungen oder etwas, was man mit dem Tui Shou des Taijiquan vergleichen könnte?

ANTWORT: Wenn wir in der Schule ankamen übten wir die bisher erlernte Form; die älteren Schüler wie Wai Lun Choi assistierten Großmeister Chan Yik Yan dabei, uns zu korrigieren bzw. uns mehr der Feinheiten zu erklären. Später dann begannen wir, neue Bewegungen zu erlernen und blieben, bis es sehr spät war.

Partnerübungen gab es erst nach einer sehr langen Lehrzeit, sie sind sehr verschieden vom Tui Shou des Taijiquan, und die Übungen mit der Holzkugel wurden nach der Schule zuhause gemacht.

FRAGE: Können Sie etwas zu den Liuhe Bafa-spezifischen Partnerübungen erläutern?

ANTWORT: Bei 2-Personen-Übungen standen wir uns gegenüber, die Handrücken bei gleicher Körperseite aneinandergelegt. Wenn ich dann einen Fauststoß über die Mittellinie in Richtung der Nase meines Gegenübers machte, so spiralte er seine Hand hoch und in einem kleinen Kreis herunter um meine Faust abzufangen bzw. herunterzudrücken; seine andere Hand hielt er zum Schutz in der Ellbogenposition, vergleichbar den Eröffnungsbewegungen der Liuhe Bafa-Hauptform. Dann wurden die Seiten gewechselt und so weiter und so fort. Das Grundprinzip ist ziemlich ähnlich dem der Übung mit der hölzernen Kugel.

FRAGE: Machten Sie damals auch Sparring oder Freikampf-Training?

ANTWORT: Ich NICHT.

FRAGE: Ist das Abhärten des Körpers Bestandteil Ihres Liuhe Bafa-Trainingsprogramms? Falls ja, welche Übungen machen Sie?

ANTWORT: Es gibt kein eigenes Programm, um den Körper abzuhärten, nur regelmäßiges Üben der Form mit zusätzlicher stehender Meditation/Qigong.

lhbf-ball-1.jpgFRAGE: Was hat es eigentlich mit den Übungen mit einer (hölzernen?) Kugel auf einem Tisch auf sich?

ANTWORT: Klingt sehr einfach, die Holzkugel wird mit der Hand gerollt, während die Bewegung aus dem ganzen Körper kommt.

FRAGE: Soweit ich weiß wird oft behauptet, daß es im ursprünglichen Liuhe Bafa keine Waffen bzw. Waffenformen gibt. Übten Sie mit Waffen und falls ja, welche waren es?

ANTWORT: Ich selbst lernte keinerlei Waffen, aber einige meiner Mitschüler könnten es schon.

lhbf_20_water_falls_from_high_mountains.jpgFRAGE: Viele Lehrer unterrichten ausschließlich die lange Form. Gibt es in Ihrer Liuhe Bafa-Linie auch nur die lange Form oder existieren noch zusätzliche Formen oder Übungen wie z.B. ein spezielles Qigong?

ANTWORT: Ich erlernte nur die 66 Bilder der Hauptform und Qigong, Partnerübungen sowie zusätzlich Übungen mit der Holzkugel. Es gibt noch viele kurze Formen von Großmeister Chan Yik Yan, doch für mich ist die 66er Hauptform schon fast zuviel.

FRAGE: Woher stammen diese zusätzlichen Formen? Sie sind nicht in Wu Yi Huis Buch erwähnt. Ich hörte darüber verschiedene Theorien. Eine davon ist, das sie später hinzugefügt wurden, um den Schülern das Erlernen bzw. das Verständnis der langen Form zu erleichtern.

ANTWORT: Als ich nach vielen Jahren rückblickend nochmals die kurzen Formen überdachte stellte ich fest, daß die meisten Bewegungen auch in der 66er Hauptform enthalten sind. Die kurzen Formen mögen gut sein für Schüler, die nur an einem kurzem Lehrgang teilnehmen.

FRAGE: Mir wurde gesagt, daß im Liuhe Bafa die Anwendung des “Yi” höher geschätzt wird als die des “Qi”. Wie denken Sie darüber?

ANTWORT: Ist das Yi da-und-da, so ist auch das Qi dort. Nach meinem Verständnis ist Yi = Vorstellung oder Absicht, Qi = Energie oder ein magnetisches Feld.

FRAGE: Um noch einmal auf das “Yi” zurückzukommen – es wird ja gesagt, daß das Yi das Qi führt und das Qi führt seinerseits die Gliedmaßen. Gibt es dazu mehr zu sagen? Wie praktizieren bzw. übten Sie das “Yi” im Liuhe Bafa?

ANTWORT: Liuhe Bafa legt Wert darauf, nicht mit Gewalt oder Kraft zu arbeiten; dies bedeutet, das sich der ganze Körper in einem entspannten Status befinden soll. Dann ist es leicht, daß das Yi (Vorstellung) und das Qi (Energie) die Bewegung der Gliedmaßen lenkt. Das vergrößert auch von Tag zu Tag unsere verborgene Energie.

FRAGE: Es heißt, das Chen Bo, der legendäre Begründer des Liuhe Bafa, erfahren war in einer speziellen Form der Traum-Meditation bzw. des Traum-Qigong. Verfügte Großmeister Chan Yik Yan über Kenntnisse davon bzw. unterrichtete er dies auch? Es ist sehr schwierig, darüber überhaupt Informationen zu finden.

ANTWORT: Ich kann mich nicht erinnern, daß Großmeister Chan Yik Yan das jemals erwähnte, aber die sogenannte Traum-Meditation ist eher eine Qigong-Form, die man liegend im Bett ausübt und gut geeignet ist für sehr alte oder geschwächte Menschen. Es gibt darüber ein bebildertes Buch, doch die Voraussetzungen gelten nicht für mich; ich kann Ihnen aber, falls erwünscht, eine Kopie senden.

FRAGE: Die Hauptform besteht aus zwei Abschnitten und ich hörte davon, daß einige Liuhe Bafa-Lehrer ihren Schülern empfehlen, diese beiden Teile gesondert voneinander zu üben. Wie denken Sie darüber?

ANTWORT: Wir übten sie verbunden, die erste Hälfte sehr langsam und die zweite in schnellem Tempo. Es ist schon in Ordnung, die beiden Abschnitte gesondert zu üben. Manchmal, wenn die Zeit es nicht zuläßt, trainiere ich nur den ersten Teil.

FRAGE: Wie ist Ihr Standpunkt zu der Behauptung, daß Liuhe Bafa eine Kombination dreier anderer innerer Stile, nämlich Taiji, Xingyi und Bagua ist und/oder einige oder all’ deren Prinzipien enthält und falls dies stimmt, warum ist das so?

ANTWORT: Persönlich glaube ich, daß bei weit über 700 Bewegungen in den 66 Bildern der Hauptform viele Bewegungen mit Taiji, Xingyi oder Bagua verglichen werden können. Denn alle unsere großen Meister waren Menschen und das begrenzt den körperlichen Bewegungsspielraum in gewisser Weise; deshalb sind Ähnlichkeiten nur natürlich.

FRAGE: Was macht Ihrer Meinung nach Liuhe Bafa verschieden von anderen Inneren Stilen? Was ist das ganz Spezielle, das Einzigartige des Liuhe Bafa und wo kann man es finden?

ANTWORT: Es ist ein fortgeschrittenes Fach in den Inneren Kampfkünsten; es ist schon schwierig genug, eine so lange Form im Gedächtnis zu behalten, dazu noch das komplette physische und mentale Training. Ich bin sicher, daß es viele gute Liuhe Bafa-Lehrer auf der Welt gibt, obgleich ich den meisten bisher noch nicht begegnet bin. Was professionelle Lehrer betrifft, so schätze ich persönlich meine Mitschüler wie Wai Lun Choi aus Chikago, der sich aber mittlerweile zur Ruhe gesetzt hat und Kam Tung, der in Hong Kong lehrt sowie Paul Roberts, einen jungen Mann, der in Japan unterrichtet und sicher einmal ein großer Meister werden wird, weil er seine gesamte Kraft dem Liuhe Bafa widmet.

FRAGE: Was glauben Sie ist die Quintessenz des Liuhe Bafa?

ANTWORT: Liuhe Bafa hält dich gesund, ist ausgezeichnet geeignet zur Selbstverteidigung, stärkt dein Selbstvertrauen auf und macht dich zu einem mutigen Menschen, der allen Arten von Schwierigkeiten trotzen kann.

FRAGE: Was ist Ihrer Ansicht nach der Grund dafür, daß die heutigen Liuhe Bafa-Schulen zwar alle von der selben Quelle abstammen, aber zum Teil sehr unterschiedliche Auffassungen darüber haben, was die Ausführung der Hauptform betrifft?

lhbf_14_green_dragon_stretches_its_claws.jpgANTWORT: Da alle Schulen mit Stolz verkünden, daß Wu Yi Hui unser Großmeister war, ist es nicht nötig, darüber weitere Worte zu verlieren. Wir nehmen gerne als Beispiel, daß die Liuhe Bafa-Hauptform der chinesischen Schrift gleicht – jeder Mensch hat eine ihm eigene Handschrift, es gibt sehr unterschiedliche Schreibweisen, aber die Bedeutung der Zeichen ist dennoch die selbe. Daß teilweise sehr unterschiedliche Auffassungen der Hauptform existieren ist kein großes Problem – sehen Sie, im Taiji gibt es so viele unterschiedliche Stile, aber alle sind großartig.

FRAGE: Haben Sie jemals etwas von der Geschichte bzw. der Übertragungslinie des Liuhe Bafa aus der Zeitspanne vor Großmeister Wu Yi Hui und dessen Lehrern gehört?

ANTWORT: Wir lernten aus den Erzählungen von Großmeister Wu, nichts weiter.

FRAGE: Zu guter Letzt – würden Sie uns einen Rat geben, auf was wir als ernsthafte Liuhe Bafa-Praktizierende beim Üben und in der Theorie besonders achten sollten?

ANTWORT: Es gibt viele Auslegungen der chinesischen Schriftzeichen Yi/Qi … Geist/Leere …, machen Sie es nicht zu kompliziert, nur konzentrieren, entspannen und üben Sie stetig Tag für Tag; dann, nach einer Weile, beschäftigen Sie sich mit dem 5-Wörter-Buch *), Sie werden dessen Bedeutung ebenso von Tag zu Tag besser verstehen. Üben ist GOLD!

*) Anmerkung des Übersetzers: Liuhe Bafa 5 Wörter [= Schriftzeichen] Geheimnisse – ein Text, der in 134 Zeilen mit je 5 Schriftzeichen die Prinzipien und die Quintessenz des Systems enthält; als Autor gilt Li Dongfeng.

Herzlichen Dank für Ihre Zeit und Geduld, alle diese Fragen zu beantworten.

Ich danke Ihnen ebenfalls!

Erläuterungen zu den Bilder, von oben nach unten:

Bild 1 – Meister Thomas Choi, Hong Kong
Bild 2 – Meister Thomas Choi mit Bild 29 der LHBF-Hauptform,
“breeze sweeps away the leaves”
Bild 3 – Großmeister Chan Yik Yan mit Bild 60 der LHBF-Hauptform,
“boy embraces a zither”
Bild 4 – Übungen mit der Holzkugel
Bild 5 – Meister Thomas Choi mit Bild 20 der LHBF-Hauptform,
“water falls from high mountains”
Bild 6 – Meister Thomas Choi mit Bild 14 der LHBF-Hauptform,
“green dragon stretches its claws”

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