Liuhe Bafa
Liuhe Bafa -
denn nichts ist weicher als das Wasser …
Ein berühmter Satz aus dem Daodejing lautet:
“Wasser ist wohl das sanfteste und weichste Element, dass wir uns vorstellen können … und trotzdem, wenn Wasser sich entschließt anzugreifen, gibt es nichts was hart genug, nichts was stark genug, nichts was mächtig genug wäre, um dem Wasser auf Dauer zu widerstehen.”
Liuhe Bafa (sechs Harmonien/Verbindungen – acht Methoden), auch – wegen seiner fließenden und wellenartigen Bewegungen – Wasserstilboxen (genauer: Faustform der Wasserwellen, Huilangquan) genannt, ist die Bezeichnung für eine exquisite und ausgesprochen seltene innere Kampfkunst; soweit z.Zt. bekannt, bewegt sich die Anzahl der Liuhe Bafa-Schulen in ganz Deutschland im einstelligen Bereich.
Der Legende nach soll Liuhe Bafa von dem daoistischen Mönch Chen Tuan (alias Chen Bo, Chen Xi Yi) während der Song-Dynastie (960-1279 n.Ch.) entwickelt worden sein – daher auch der Alternativname “Wasserstilboxen”, der sich im daoistischen Verständnis über den Wechsel der verschiedenen Zustandsformen des Wassers gründet: Wasser steigt auf (Dampf), fällt bzw. fließt (Flüssigkeit) und gefriert (Eis).
Öffentlich unterrichtet wurde es erst gegen Ende der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Shanghai von Meister Wu Yi Hui (1887-1961). Er gilt als einer der herausragendsten Kampfkunstmeister dieser Epoche und wurde nach eigenem Bekunden von drei Lehrern, Yan Guoxing und Chen Guangdi aus der Provinz Henan sowie Chen Helü aus Beijing, in drei unterschiedlichen Stilen des Liuhe Bafa unterrichtet. Wu Yi Hui verschmolz diese drei Stile zu einer Einheit und deshalb spricht sehr viel dafür, daß sich alle heute existierenden Schulen des Liuhe Bafa auf ihn und seine Traditionslinie zurückführen lassen.
Hat man die wirklich rare Gelegenheit, einen Praktiker beim Üben der Hauptform des Liuhe Bafa zu beobachten, verwechselt man es oft mit Taijiquan – jedoch verschmelzen im Liuhe Bafa in unnachahmlicher Genialität die fließend-weichen Bewegungen des Taijiquan (”Wasser”) mit den Spiralen und Kreisen des Baguazhang (”Dampf”) und den kraftvoll-dynamischen Elementen des Xingyiquan (”Eis”) zu einem selten gelungenen Synergismus; ein Umstand, der seine Erklärung darin findet, daß die Schüler des Wu Yi Hui oft selber schon Meister in diesen anderen inneren Stilen waren und die Form dementsprechend modifizierten. Aber alle Varianten stimmen in bestimmten Bereichen überein, u.a.:
1. Die Form besteht aus 66 “Bildern” mit jeweils mehreren Bewegungsfolgen und gliedert sich in zwei Teile.
2. Die Bilder der Form haben die gleiche Bezeichnung.
Doch darüber hinaus enthält Liuhe Bafa auch typisch-Eigenes, das in den genannten Stilen nicht vorkommt und das den Wasserfällen des Huashan, einem der 5 heiligen Berge Chinas und Heimstätte des legendären Gründers, Chen Tuan, entsprechen mag.
Über Liuhe Bafa wird behauptet, daß es der/dem Übenden ein tieferes Verständnis und einen erweiterten Zugriff auf die ggfs. schon vorhandenen Kenntnisse in den o.a. bekannteren inneren Stilen verschafft. Ich muß an dieser Stelle offen eingestehen, daß ich dies zunächst nicht glaubte. Aber mittlerweile bin ich ganz anderer Auffassung und räume nur zu gerne ein, daß ich mich getäuscht und selbst nach über 40 Jahren ernsthafter Praxis in den inneren Stilen durch Liuhe Bafa noch unglaublich viel dazu gelernt habe bzw. dazu lerne; eine Entwicklung und Bereicherung, die noch lange nicht beendet ist. Unter anderem auch deshalb gilt Liuhe Bafa als der Gipfel der daoistischen inneren Kampfkünste und wird von Praktikern als kostbares Juwel der Neijia hochgeschätzt.
Doch auch für AnfängerInnen ist Liuhe Bafa ein wahrer Schatz; der erste Teil der Form legt u.a. Wert auf die Verbindung der Körper/Geist-Beziehung, dem Üben von Absicht (Yi) und Achtsamkeit, dem Öffnen und Beleben der Energiekanäle sowie der sanften, aber nachhaltigen Steigerung des leiblichen Wohlbefindens und der Pflege der Gesundheit.
Der zweite Teil ist u.a. eine hervorragende Übung zur Öffnung des zentralen Energiekanals und der Zentrumsverbindung; nach dem Üben fühlt man sich ergiegeladen, lebendig und gleichzeitig gelassen, ruhig und erfüllt vom Sein.
Und nicht zuletzt ist Liuhe Bafa eine innere Kampfkunst, d.h., der Aspekt der Selbstverteidigung kommt ebenfalls nicht zu kurz.
Ich stehe in der Traditionslinie meines Liuhe Bafa-Lehrers Eric Lee und habe von ihm auch das Einverständnis erhalten, selbst zu unterrichten; ich lerne aber weiterhin sowohl noch von ihm als auch von meinem “älteren Bruder” Karl-Heinz Klug. Eric Lee seinerseits ist Schüler von Lu Feng Lin, dessen Lehrer war Han Gui Shen und dieser wiederum lernte von Wu Yi Hui, dem Ersten, der Liuhe Bafa offen unterrichtet hat.
Der Unterricht in der Ying Men-Schule orientiert sich an den traditionellen Methoden, das heißt, es wird von den SchülerInnen z.B. auch selbständiges Üben erwartet; zusätzlich zum eigentlichen Liuhe Bafa-Training gehören außerdem noch andere Elemente wie Qigong/Neigong, Anwendungen, Waffenformen etc. dazu.
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